Alles hat seine Zeit

Freddie Mercury sang einst:

I want it all,
I want it all,
I want it all,
and I want it now.

Das Prinzip kann man bei Kindern gut beobachten, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben und es dann haben wollen, um jeden Preis. Jedes Mittel ist ihnen recht, es zu kriegen: Die Mittel reichen vom flehenden Augenaufschlag über Tränen bis hin zu den Tobsuchtsanfällen gepaart mit Beschimpfungen gegen den, der dem gewollten Glück im Wege steht.

Man muss im Alter allerdings nicht mal so weit zurückgehen, um dieses Phänomen zu sehen: Es ist auch bei Erwachsenen durchaus noch vorhanden. Die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders haben zwar die extremsten Auswüchse der Mittel als nicht einsetzbar qualifiziert (nicht alle befolgen solche Regeln und nicht immer zu hundert Prozent), aber dass man das, was man will, gleich will und komplett, das liegt wohl in der Natur des Wollens. Wieso warten? Wieso nur einen Teil?

Einmal in den Kopf gesetzt, dreht der Wunsch durch die Hirnwindungen, besetzt jede freie Stelle, annektiert jeden Gedanken. Man wird (fast) besessen, will alles drehen und wenden, um die schnelle Erfüllung möglich zu machen. Man will nicht warten, denkt, man könne es nicht. Es ist im Kopf, es ist für gut befunden, es soll so sein. Jetzt.

In diesem unnachsichtigen Streben übersieht man oft, dass viele Hindernisse, die zwischen einem und dem ach so Gewollten stehen, nicht nur schlimm und böse sind. Viele warnende Stimmen sprechen auch nicht nur aus Neid oder anderen niederen Beweggründen, die wir ihnen unterstellen wollen. Klar, insgeheim ahnt man sowas, aber man will es nicht hören. Man will, was man will und nichts anderes; sachliche Argumente sind völlig fehl am Platz.

Wenn man zurück schaut: Wie oft gab die Kopf-durch-die-Wand-Strategie nur Kopfweh? Wie oft war man so mit Hürden abbauen beschäftigt, dass man aus den Augen verlor, was man damit anrichtete – bei sich und anderen? Wie oft war man beim Erreichen des so krampfhaft angestrebten Zieles wirklich glücklich bis ans Lebensende? Und wenn wenigstens kurz glücklich: In welcher Relation stand es zum Kampf vorher?

Wünsche sind schön und Wünsche sind wichtig. Sie treiben uns an, zeigen uns mögliche Wege und mögliche Ziele. Aber: Nicht jeder Wunsch kann zu jeder Zeit erfüllt werden. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden. Es gibt Wünsche, die erfüllen sich gleich, andere brauchen ihre Zeit, wieder andere begleiten uns ein Leben lang. Blinde Verbissenheit in der Erfüllung von Wünschen, ungeachtet ob ihre Zeit reif ist oder nicht, ob der Einsatz gerechtfertigt ist oder nicht, bringen uns dem zu uns passenden Ziel selten näher, sie lassen uns nur die eigene Energie verschwenden und bewirken, dass wir die vielen kleinen Wunder, die das Leben täglich bereit hält, übersehen, weil wir nur dem einen grossen Wunsch hinterher rennen.

Wenn also wieder mal ein grosser Wunsch lockt, dem sich viele Hindernisse in den Weg stellen, lohnt es sich, genau hinzuschauen: Wieso habe ich den Wunsch? Was verspreche ich mir davon? Wie passt er in mein Leben? Was spricht konkret dafür und dagegen? Was ist der Preis, den ich zahle? Ist es das wert?

Wenn man dann zum Schluss kommt, dass der Wunsch wirklich realistisch ist, braucht man keine Kopf-durch-die-Wand-Strategie. Man kann Schritt für Schritt auf dem Weg zum Ziel gehen, jeden Schritt geniessen, im Wissen, dass man ankommen wird. Wenn die Zeit reif ist. Und: All die Energie, die man nicht für einen unnötigen Kampf aufwenden muss, kann man dazu verwenden, das Leben für sich und andere lebenswerter zu machen. Eigentlich das höchste Ziel, denn daraus resultiert Glück. So von tief drin.

Zu viele egozentrische Gedanken sind die Quelle für Leiden. Sorge und Mitgefühl für das Wohlbefinden anderer sind die Quelle des Glücks. (Dalai Lama)

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8 Kommentare zu „Alles hat seine Zeit

  1. Danke für diese anregende Betrachtung.
    Wie oft bin ich mit dem Kopf an die Wand gerannt? War dies nötig, und welche Folgen hatte es?
    „Alles hat seine Zeit“ war das Motto einer Beerdigung in dieser Woche.
    So freue ich mich auf weitere Betrachtungen.
    Herzliche Grüße

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar. Ja, die Kopf-gegen-die-Wand-Taktik hat wohl jeder schon angewendet… meist mit Beulen und wenig anderem als Resultat. Liebe Grüsse zu dir

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  2. Sehr bedenkenswerte Gedanken, liebe Sandra, gerade in dieser zu grossen Zeit des Zuviels. Wenn ich nachdenke und überlege, wieviele Wünsche mir allein heute in Erfüllung gegangen sind, einfach weil sie „reif“ waren und die Zeit da war, dann bin ich she dankbar für den Tag. Es sind die Ersatzwünsche, die für etwas stehen, was uns entglitten ist: Es fehlt uns z.B. an Liebe, an Zuneigung, und dieses Fehlen gebiert Wünsche, die, sobald sie erfüllt sind, neue nach sich ziehen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Da gehe ich sehr mit dir und bei sich selber fängt man am einfachsten an, denn andere zu belehren ist immer schwierig, denn leider neigt der Mensch dazu, immer seine Fehler selbst machen zu wollen. Danke für deine guten Gedanken!

    Gefällt 1 Person

  4. Ja, da ist was dran. Wenn man es vorher nicht schafft, seine Wünsche so zu reflektieren, kann man immer noch nachher schauen: Was hat es mir gebracht? Bin ich damit nun glücklicher? Oder hat das Objekt meiner Begierde schnell seinen Reiz verloren?

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  5. Ich finde das ein wenig zu pauschal: erst sehen und schauen, ob die Wünsche realisierbar sind. Das kann für Dinge gelten wie: ich wünsche mir eine neue Wohnung; ich wäre glücklich, wenn ich eine neue Kaffemaschine hätte oder ein schnelleres Motorrad. Klar, hier prüft man die (monetäre) Realisierbarkeit oder macht einen Plan oder kauft auf Raten. Aber wie sieht es aus mit den großen Wünschen nach Glück, Familienzuwachs und ideellen Wünschen: friedliches Umfeld, gewaltfreie Welt, sozialer Verantwortung der Regierungen/Unternehmen, einer gesunden Umwelt, einem friedlichen Tod? Soll man die abhaken, nur weil der Weg dahin schwierig ist und man vielleicht nur selbst ein kleines Rad in der Maschinerie oder nur Partner ist?
    Wünsche sind doch auch Träume. Und ohne die wäre die Welt nicht so bunt, wie sie ist. Und das schulden wir doch auch den vielen (wenn auch mal unnützen oder modern gesagt „nicht Ziel führenden“) Versuchen.

    LG Werner

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    1. Es geht ja nicht drum, etwas abzuhaken, nur weil es schwierig ist. Ab und an ist aber die Zeit nicht reif oder aber etwas entspricht einem bei Lichte betrachtet nicht – es sind Wünsche, die man hat, aber wenig reflektiert hat. Und vieles kann man nicht erzwingen. Wenn ich mir einen Partner wünsche, kann ich noch so krampfhaft suchen. Wenn ich unbedingt ein Jahr Auszeit in Indien will, aber drei schulpflichtige Kinder habe… ist vielleicht die Zeit nicht reif dafür? Wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, als Pilot zu werden, ich aber kaum 2 Minuten still sitzen kann… ist es vielleicht nicht wirklich durchdacht.

      Liebe Grüsse
      Sandra

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