Lernen als Bedürfnis – Mit Haltung zum Gelingen

In vielen heutigen Schulen herrscht Unzufriedenheit. Der Schulbetrieb, wie er ist, funktioniert nicht, wie er sollte. Kritisiert man das von aussen, wird man schnell als Ketzer und Miesmacher hingestellt, nur: Wie sonst will man die ständigen Reformen interpretieren? Wäre alles wie gewünscht, käme niemandem in den Sinn, die Schule reformieren zu wollen. Man würde da stehen, sich auf die Schulter klopfen und sich an den wohl gelungenen Schülern erfreuen, welche als Resultat des gelungenen Unterrichts die Schule verlassen.

In Tat und Wahrheit sucht man händeringend nach einer Methode, wie man Schule optimieren könnte. Wie kann man durch eine Veränderung dessen, was ist, das korrigieren, was nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte? Die Frage ist dabei immer: Was soll Schule bringen? In der heutigen Zeit ist das angestrebte Ziel offensichtlich, Kinder zu funktionierenden Arbeitern im Wirtschaftsbetrieb auszubilden. Dazu werden Kinder mit Wissen aufgefüllt, das sie zu bestimmten Zeiten zwecks Überprüfung ihrer Leistung aufs Papier bringen müssen – quasi eine Wissensbulimie. Haften bleibt wenig, verwertbar ist ebenso wenig, vieles wird nur ausgekotzt.

Wie weit entfernt sind wir von dem, was schon Humbold als Bildungsideal vorschwebte: Nicht Berufsbildung soll im Zentrum stehen, sondern Menschenbildung. Der Mensch, davon war Humbold überzeugt, will lernen. Er will sich bilden. Wichtig ist, ihm zur Seite zu stehen, wenn er diesen Weg geht. Es geht auch nicht darum, Kinder für Berufe auszubilden, sondern, sie zu den Persönlichkeiten reifen zu lassen, die sie sein können.

Wenn Kindern die Neugier und Freude am lernen behalten, sich in Charakter und Person festigen dürfen, die Fähigkeiten erlernen, die sie brauchen, um ein verantwortungsvolles und partizipierendes Leben zu führen, werden sie die Offenheit behalten, sich in Berufen einarbeiten zu wollen. Auf diese Weise bewahren sie auch die Freiheit, auf neue Voraussetzungen und Situationen zu reagieren, weil sie lernfreudig sind und bleiben. Es geht darum, Kindern zu helfen, kritisch und kreativ denken zu lernen, um auf dieser Basis frei und selbstbestimmt handeln zu können und wollen.

Wie aber kommen wir nun da hin? Eine Methode wird das nicht schaffen. Methoden bedingen üblicherweise einen allgemeinen Anspruch. Sie gehen davon aus, dass man mit gleichen Mitteln bei gleichen Ansatzpunkten Gleiches erreicht. Das wird bei Menschen nicht funktionieren, da hier zwar immer Menschen als Menschen aufeinander treffen, sie als solche Gleiche, aber nicht gleich sind. Insofern kommt es also nicht auf die Methode an, ob etwas gelingt oder misslingt. Es ist eine Frage der inneren Haltung, mit der wir an die Dinge herangehen.

Gerade in der Schule (aber auch im Leben sonst) sind wir in Rollenmustern verhaftet, sehen uns als Gegner, die einander belehren, statt als Partner, die Lehren und Lernen als gegenseitigen Prozess sehen. Eine innere Haltung, die auf Wertschätzung, Respekt, Begegnung auf Augenhöhe, Miteinander und gegenseitigem Lernen beruht, ist eine Voraussetzung dafür, den richtigen Rahmen und Raum zu schaffen, in welchem Lernen wieder zum Grundbedürfnis und nicht zum auferlegten Zwang wird.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen Beziehungswesen sind[1] und immer danach streben, in Beziehung zu treten, das Verbindende zu sehen statt sich getrennt zu fühlen, ist die Grundvoraussetzung für eine für das Gelingen förderliche Umgebung eine wirkliche und tragfähige Beziehung – in der Schule zwischen Lehrer und Schüler. Eine Beziehung im wirklichen Sinne meint die Begegnung von Mensch zu Mensch und das auf Augenhöhe. Es findet hier keine Belehrung im üblichen Sinne statt, sondern ein Dialog. Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Voraussetzungen:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
  • Authentizität in Wort und Gefühl
  • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
  • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
  • Aktives Zuhören
  • Gegenseitiger Respekt
  • Offenheit
  • Verantwortung übernehmen
  • Lernen mit- und voneinander
  • Empathie

Der Lehrer ist nicht der Wissende, der dem Unwissenden etwas „beibringt“. Er ist ein Mensch, der den anderen Menschen auf seinem Weg begleitet – und beide lernen auf diesem Weg voneinander. Es geht nicht darum, dass der Lehrer pfannenfertige Antworten liefert, sondern er befeuert immer wieder die Neugier des Schülers und lässt diesen dann durch Fragen selber auf Antworten stossen.

Dass dies im herkömmlichen Frontalunterricht schwer zu erreichen ist, liegt auf der Hand. Neue Lernformen sind dringend nötig. Wenn man davon ausgeht, dass Lernen eine Grundhaltung ist, jeder Mensch lernen will und kann, wenn man ihn nicht darin behindert durch ungeeignete Lernzwänge und Lehrmethoden, zeichnet sich ein Weg hin zum autonomen Lernen deutlich ab. Das heisst nicht, wie oft kritisiert wird, dass Kinder auf sich alleine gestellt den ganzen Schulstoff nach Vorgabe selber erarbeiten müssen. Autonomes Lernen basiert auf dem Grundsatz, dass Menschen verschieden sind und deswegen auch auf verschiedenen Wegen und mit verschiedenen Mitteln und Massnahmen zum Ziel kommen. Auf diesen Wegen bedürfen sie der Begleitung, welche sie vom Lehrer dann, wenn sie sie brauchen, auf die Weise, wie sie sie brauchen, erhalten.

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[1] Die Begründung dieser Aussage würde den Artikel sprengen, insofern steht sie hier als Axiom.

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