Im Ring: Das Ego gegen das Selbst

Wer bist du?

Stellt uns jemand diese Frage, kommen die Antworten meist spontan: Ich bin Sandra, bin Mutter, Frau von dem und arbeite das. Die meisten von uns würden wohl staunen, käme dann die Nachfrage:

Und wer bist nun du?

Wir würden denken, das gerade erzählt zu haben. Nur: Wir kratzten an der Oberfläche. Wir zählten unsere verschiedenen Rollen auf, trafen aber nicht den Kern. Was wir beschrieben, war unser Ego, der Teil von uns, der immer „hier“ schreit, wenn es darum geht, zu definieren, welche Rollen wir in der Gesellschaft spielen, was uns gehört, wodurch wir uns nach aussen definieren. Das tief drin ist damit noch nicht mal ansatzweise genannt – meist kennen wir es gar nicht.

In der östlichen Philosophie unterscheidet man zwischen dem Ego und dem Selbst. Das Ego ist all das, was oben genannt wurde, es ist das, was wünscht und sehnt, das ablehnt und vermeidet. Es ist das, was uns an- und umtreibt, etwas zu tun, Ziele zu erreichen. Es plustert sich auf, identifiziert sich mit allem, was vor sich geht, es heftet sich an alles, was es hat, haben will oder zu sein glaubt. Worte die gesprochen werden, Situationen, Vorkommnisse, alles sieht das Ego auf sich bezogen, es ist quasi der Nabel der Welt, um den sich diese dreht.

Was all diesen Dingen gemein ist: Sie sind endlich. Und wenn sie aufhören, zu sein, stürzt unser Ego ein. Die Rolle ist weg – was bleibt? So vom selbst definierten Ich? Wenn der Job weg ist, die Frau, das Kind ausgezogen? Und wenn dann jemand fragt:

Wer bist du?

Was sagen wir dann noch? Wir sind noch – aber was und wer? Im Kern sind wir noch immer der, der wir auch vorher waren. Allein: Wir sahen ihn dann nicht und jetzt erst recht nicht. Zu schwer drückt der Verlust all dessen, was uns in unseren Augen ausmachte. Doch – und das ist die gute Nachricht: Da ist viel mehr. Da ist das, was wir das „Selbst“ nennen können. Das, was uns ausmacht tief drin, der Kern.

Das Selbst liegt tief in uns und ist immer da. Es war vor uns da, bleibt unberührt von allem, was passiert, bleibt, wenn wir gehen. Es ist nicht fassbar, nicht sichtbar, liegt meist im Unbewussten, unverändert trotz allen Veränderungen in, mit und um uns. Es ist der Grundpfeiler unserer Identität.

Oft wird die östliche Philosophie verkürzt interpretiert und es heisst, man solle das Ego loslassen, sich selbst erkennen, zu sich selbst finden durch die Aufgabe des Egos. Nun ist das Ego offensichtlich eine Illusion, die sich aus vergänglichen Situationen speist und daraus ein Gerüst baut, das wir als unsere Identität sehen. Insofern könnte man annehmen, dass es sinnvoll wäre, es einfach loszulassen und zurück zu den Wurzeln zu kehren. Nur: Es wäre verheerend.

Das Ego ist unser Tor zur Welt. Es ist das, was wir in der Gemeinschaft sind. Und das ist gut und wichtig. Es ist vor allem auch sinnvoll. Wir können uns nicht von unserer Mutterrolle lossagen – was geschähe mit unseren Kindern? Wenn wir uns von unserer Rolle als Berufstätige lossagten: Wie würden wir finanziell überleben? Wenn wir unsere Rolle als Freundin oder Geliebte aufgäben: Wäre es uns in der Einsamkeit wirklich wohl?

Die Rollen gehören zu uns, sie sind unser Ausdruck in der Welt. Aber – und das ist der springende Punkt: Sie machen uns nicht aus im Kern. Wenn eine wegfällt, sind wir immer noch heil. Tief drin. Wir brauchen einfach eine neue Rolle. Und die können wir finden. Sie lässt sich leichter finden, wenn wir dran glauben und wissen:

Ich bin gut. So wie ich bin. Als ich. Ich bin immer noch ganz und heil.

Um dahin zu kommen, ist eines ganz wichtig:

Erkenne dich selbst.

Diesen Satz sagten schon die alten Griechen. Und nicht nur sie, denn: Von Ost nach West, zu allen Zeiten: Der Mensch sucht sich selber. Und alle schreiben darüber, was das Selbst denn wirklich sei. Buddhismus, Sufismus, vedische Texte, Heidegger, Kierkegaard, Ricoeur, Jung – überall finden sich Definitionen (oder Versuche einer solchen) davon. Was ist es denn nun?

Das Selbst ist unser Wesenskern, tief in uns drin ist er da und liegt allem zugrunde. Um wirken zu können in der Welt, brauchen wir aber etwas, das nach aussen dringt, das in den Kontakt mit der Welt treten kann: Unser Ego. Es ist quasi der verlängerte Arm des Selbst, sein Sprachrohr. Ab und an scheint es zu machen, was es grad lustig ist, vor allem dann, wenn es den Kontakt zum Selbst verloren hat und sich in den illusorischen Interpretationen und Identifikationen verliert. Doch es gibt immer wieder Momente, wo von tief drin das Selbst durchscheint, das Ego zum Schweigen kommt und wir einen Blick auf das werfen können, was uns wirklich ausmacht. Meist passiert das in Situationen, in welchen wir uns hingeben, mit ganzem Herzen an etwas sind, quasi selbstvergessen. Wir wollen nichts mehr sein, nichts mehr beweisen, nichts erreichen, wir sind. Meist kreativ, im Fluss.

Und wenn wir dann hinschauen. Und erkennen, was gerade passiert, realisieren wir, was wir sind – und was nicht. Wir fühlen, wie es ist, ganz ich zu sein. Von tief drin. Wir müssen das Ego nicht loswerden. Es gehört zu uns, es ist wichtig und hat seinen Zweck. Aber tief drin sind wir mehr. Das Bewusstsein dafür ist wichtig. Denn es hilft uns, bei uns selber zu bleiben. Unseren Wert zu erkennen und ihn uns zu geben – egal, was mit den Rollen passiert. Er hilft uns, authentisch zu sein und zu bleiben, Leid durch falsche Identifikationen und damit einhergehende Enttäuschungen zu vermeiden.

Was also wirklich zählt, ist nicht ein krampfhaftes Streben nach dem Einen und ein Verdammen des Anderen. Es ist die Unterscheidung, was Ego und was Selbst ist sowie die Erkenntnis, welchen Stellenwert diese beiden haben. Es ist wichtig, zu erkennen, wer wir wirklich selbst sind und entsprechend zu handeln – als Ego. Ohne Ego wären wir in der Welt nicht lebensfähig, aber: Was wir nicht brauchen, ist dieses kleine trotzende Ich, das überall im Mittelpunkt stehen will, alles an sich reisst und einfach mal auf alles aufgrund von Mustern und Prägungen reagiert. Lassen wir es sein, was es ist: Das Sprachrohr unserer Natur, das authentisch nach aussen meldet, was tief drin vorgeht. Und so bleibt:

Erkenne dich selbst.

Und handle danach.

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