Ich bin genug

Ich bin nicht gut genug. Der andere ist viel besser als ich.

Wer hat sich das nicht schon mal gesagt? Ich selber habe Jahre, wenn nicht Jahrzehnte damit zugebracht, mir vorzuhalten, wer alles besser ist als ich, schöner ist als ich, und wo ich nicht genüge. Ich fand immer und überall etwas und litt natürlich darunter. Wer ist schon gerne minderwertig? Wer möchte nicht genügen?

Es hat viele Jahre gedauert, mehr Gelassenheit mir selber gegenüber zu gewinnen. Das Alter hat sicher einen Teil dazu beigetragen, Yoga hat dabei aber den grossen Anteil gehabt. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich auf die Yogamatte stand und das Leben war plötzlich wundervoll und ich der Held in meinem eigenen Universum. Es war ein Weg – und er dauert noch an. Auf diesem Weg habe ich eine Wahrheit ganz schmerzhaft erfahren müssen: Ich bin ich und ich kann, was ich kann. Ich kann an meinen Grenzen arbeiten, aber ich kann sie nicht mit Gewalt durchbrechen. Nur weil ein anderer etwas kann, das für mich erstrebenswert aussieht, weil ich den, der es kann, bewundere, heisst das nicht, dass ich das zwangsläufig auch können muss. Schon gar nicht gleich.

Mein Naturell ist eher ungeduldig, mein Wille eher forsch. Geht nicht, gibt es nicht. Der Ehrgeiz drängt und ich folge oft zu willig. Der Körper dankte oft mit Schmerzen. Schmerz ist überhaupt ein sehr guter Lehrmeister, in allen Belangen. Wir würden ihn gerne vermeiden, tun viel dafür, ignorieren ihn am liebsten. Hinsehen kann helfen, eigene Muster zu erkennen. Bei mir war es, dass ich gefallen wollte. Denn nur dann genüge ich. Und dafür ging ich oft über meine eigenen Grenzen. Weil ich die Menschen da draussen wichtiger nahm als mich selber, dafür sogar meine Gesundheit aufs Spiel setzen wollte. Was wohl viele tun auf vielen Ebenen. Kinder, die ihren Eltern genügen wollen, Angestellte bei ihren Chefs, Frauen für ihre Männer und umgekehrt.

Wir alle sind oft in einem Wettbewerb, wollen hoch hinaus, mindestens gleich hoch wie der andere, am besten aber höher. Wir sind beeindruckt von all dem, was andere können – im Yoga sind es akrobatische Stellungen, die wir nie selber einnehmen könnten. Und wir denken: Wenn der das kann, ist er ein viel besserer Yogi als ich, drum muss ich das unbedingt auch können. Genau da hört Yoga auf. Was nun folgt, ist blosser Mattenkampf. Und Krampf.

Dasselbe passiert auch im Leben abseits der Matte: Wir vergleichen uns mit anderen Menschen, beurteilen uns danach als ungenügend und haben nur noch ein Ziel: Besser werden, aufholen. Oft verlieren wir uns selber dabei aus den Augen, ignorieren eigene Warnzeichen, gehen über unsere Kräfte und Grenzen. Oft körperlich und psychisch.

Fakt ist: Wir werden nie sein wie ein anderer, wir sind und bleiben wir. Jeder Mensch hat seine individuellen Fähigkeiten und Grenzen. An beidem kann man sicher arbeiten, Fähigkeiten trainieren und ausbauen, Grenzen ausloten und damit spielen. Allerdings geht das selten beliebig weit und: Es erfordert Einsatz. Einsatz braucht immer Zeit und Kraft, welche beide auch begrenzt sind. Und so bleiben am Schluss ganz wichtige Fragen an sich selbst:

  • Wieso will ich das, was ich anstrebe, erreichen? Meinetwegen oder nur aus dem Vergleich heraus?
  • Passt es in mein Leben?
  • Was verspreche ich mir davon?
  • Ist es realistisch?

Natürlich spricht nichts dagegen, andere Menschen als Vorbilder zu sehen, sich vo ihrem Tun motivieren zu lassen. Aber: Es sollten nie andere der Massstab für das eigene Leben und die Dinge, die wir in ihm verwirklichen, sein. Der Massstab sollte immer in uns selber liegen, denn nur dann leben wir unser Leben und nicht das eines anderen. Nur dann sind wir selber das Original und nicht eine Kopie. Und ganz wichtig: Was auch immer wir erreichen, wir sind genug.

Ein Satz, den man sich eigentlich immer wieder sagen sollte:

„Ich bin gut, wie ich bin, ich genüge.“

 

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2 Kommentare zu „Ich bin genug

  1. Wozu das ‚eigentlich‘ im vorletzten Satz?

    Davon abgesehen meine vollste Zustimmung. Erfolg selbst definieren. Den eigenen Weg beschreiten. Vom Vergleichen ablassen und die individuell passenden Maßstäbe anlegen. Auf dem Pfad des Herzens wandeln.

    Noch einen guten Tag.

    Gefällt 1 Person

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