Das Leben mutig leben

Und plötzlich weiss man: Das möchte ich tun. Das wäre das Leben, das ich gerne leben würde. Und in uns entsteht ein Bild in den buntesten Farben, wir malen alles aus und fühlen uns wohl damit. Manchmal ist es auch nicht ein ganzer Lebensentwurf, nur ein Projekt, das wir gerne umsetzen, ein Plan, den wir gerne verfolgen würden. Egal, was und wie gross es ist: So soll es sein!

Doch dann kommen die inneren Stimmen: „Das geht doch nicht!“, „Ich kann doch nicht!“, „Was werden bloss die anderen sagen?“, „Wie könnte ich das schaffen?“ Das eben noch so leuchtende Bild wird trüber, die eigene Freude gedämpft. Erich Fried hat diese inneren Stimmen in Bezug auf die Liebe in ein wunderbares Gedicht verpackt:

Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Wir können diese inneren Stimmen wichtig nehmen und alles lassen, wogegen sie stänkern. Wir können uns einreden, dass unsere Pläne wirklich unsinnig, aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig oder gar unmöglich sind. Und dann tun wir brav das, was wir schon immer taten. Der Umstand, dass wir beim Denken neuer Wege aufblühten, zeigt zwar, dass wir mit den alten nicht glücklich waren, trotzdem das wäre sicher der Weg des geringsten Widerstands. Wir bleiben dabei aber auch das, was wir waren: Unglücklich, zumindest unzufrieden.

Was ist die Alternative? Wir fassen uns ein Herz und wagen das Risiko. Das braucht Mut, keine Frage, und ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Neue Wege sind immer unsicher, wir betreten damit Land, das wir vorher noch nicht kannten, verlassen unsere eingetretenen Pfade, die uns vertraut waren. Aber: Schon Hermann Hesse wusste:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Diese Zeile des Gedichts ist wohl vielen bekannt, aber das Gedicht geht weiter:

Der uns beschützt und der und hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ und Stufe heben, weiten.

Mut zu haben, heisst nicht, dass wir von jetzt auf gleich keine Angst mehr haben. Es heisst auch nicht, dass all die Stimmen plötzlich verstummt sind und wir nur noch optimistisch in die Welt grinsen. Es ist sogar wichtig, die inneren Stimmen anzuhören, die Risiken einzuschätzen und abzuwägen. Unter Umständen erkennen wir so Hindernisse, die wir ausräumen können.

Dass wir den Mut aufbringen, für unsere Wünsche und Ziele einzustehen, bedeutet, dass wir uns ernst nehmen. Wir stehen für uns ein und gestehen uns ein: Es ist, was es ist. Ich bin, wie ich bin. Und ich bin es mir wert, dass ich für mich meine Wege gehe.

Natürlich ist es möglich, dass wir mit einem Plan in die Irre laufen. Es ist auch gut möglich, dass ein erreichtes Ziel beim Erreichen plötzlich nicht mehr so bunt ist, wie es auf dem Weg dahin schien. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, den Weg zu gehen. Entweder zeigt er uns auf, was wir schon hatten, aber nicht sahen, oder aber wir entdecken eine Abzweigung, die uns wirklich an einen Ort führt, der für uns richtig ist. Und ab und an gehen wir den Weg, kommen ans Ziel und wissen: Ich habe es geschafft. Das war mein Weg und ich bin angekommen. Was könnte es schöneres geben?

Am Anfang stehen immer die Fragen: Wer bin ich? Was will ich im Leben? Wie will ich leben? Wie will ich sein? Sie geben den Weg vor, den wir gehen wollen. Und: Wenn wir Dinge mit Leidenschaft tun, unser Herz daran hängt, dann eröffnet sich immer etwas Gutes daraus. Dieses ist nicht zwangläufig immer das, was wir uns am Anfang vorstellten, aber der Weg, den wir dahin gingen, war selbst gewählt. Die nötige Vorsicht ist geboten, die Vernunft soll immer mitgehen, aber der Mut soll die Führung übernehmen, denn er ist der Verbündete der Liebe – der Liebe zu uns selber.

Hermann Hesse schliesst sein Gedicht „Stufen“ mit der wunderbaren Zeile:

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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2 Kommentare zu „Das Leben mutig leben

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