29. März

„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
erkennen; denn er mißt nach eignem Maß
sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
das Leben lehret jeden, was er sei.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Was die eigenen Muster und auch Macken angeht, sind wir oft betriebsblind. Wir laufen nach alt bewährtem und lange eingefahrenem Muster durchs Leben, stossen zwar immer wieder auf ähnliche Situationen, doch erkennen selten unseren eigenen Anteil. Weil wir es auch nicht wirklich wollen – wer gräbt schon gerne im eigenen Sumpf? Man könnte drin versinken.

Beziehungen halten uns da den Spiegel vor. Irgendwann können wir die Augen nicht mehr verschliessen, weil zu deutlich ist, was abläuft. Und: Es läuft nicht einfach ab, wir sind aktiv (?!) daran beteiligt. Nicht willentlich, aber doch agierend. Wenn wir hinschauen, wahrnehmen, in uns gehen und erkennen, was wir da tun, haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir das Steuer in die Hand nehmen und uns so verhalten, wie wir es wirklich wollen, nicht nur so, wie wir es seit Jahren gewohnt sind aufgrund vergangener Prägungen.

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28. März

„Man wirft den Menschen immer vor, daß sie ihre Mängel nicht erkennen. Noch weniger aber kennen sie ihre Stärken. Sie sind wie das Erdreich. In vielen Grundstücken sind Schätze verborgen, aber der Besitzer weiß nichts von ihnen.“ (Jonathan Swift)

„Ich bin nicht gut genug.“, „Das schaffe ich nie!“, „Ich kann nicht singen.“, „Ich bin zu schüchtern.“

Wer hat sich nicht schon vorgeworfen, was er alles nicht kann? Wer noch nicht mit sich und seinen Schwächen gehadert? Wie oft aber kommt es vor, dass wir vor den Spiegel stehen und finden

„Ich bin gut.“, „Ich gefalle mir!“, „Wenn ich es will, schaffe ich es.“?

Niemand kann alles, doch jeder hat seine Talente und Fähigkeiten. Statt also ständig auf dem rumzureiten, was (vermeintlich?) nicht geht, wäre es viel sinnvoller, dir vor Augen zu führen, was du alles kannst und das zu leben. Daraus könntest du dir gegenüber eine positivere Haltung entwickeln und irgendwann auch den Mut, deine vorgefassten Glaubenssätze über deine Mängel in Frage zu stellen – und einfach mal zu probieren, wovon du dachtest, es nicht zu können.

Lass sie reden!

„The greatest fear in the world is oft he opinions of others. And the moment you are unafraid oft he crowd you are no longer a sheep. You become a lion. A great roar arises in your jeart. The roar of freedom.“ Osho*

„Was werden wohl die anderen sagen?“ Wie oft verzichten wir auf etwas, das wir gerne täten, weil wir das Gerede der anderen fürchten? Und wie sehr schränkt uns das in unserem Sein und Tun ein – damit in unserer authentischen Art, zu leben? Wieso setzen wir ihr Urteil so weit über unsere eigenen Wünsche?

So lange wir uns nach den Erwartungen der anderen richten und auf unsere Wünsche verzichten, weil wir das Gerede der anderen fürchten, so lange sind wir gefangen in einem Käfig, dessen Umfang andere bestimmen. Es liegt an uns, ob wir die Tür öffnen und in die Freiheit gehen.

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*Die grösste Angst in der Welt ist die vor den Meinungen der anderen. Sobald du dich nicht mehr vor der Herde fürchtest, bist du kein Schaf mehr. Dann wirst du zum Löwen. Ein grosses Gebrüll wird in deinem Herzen aufsteigen. Das Gebrüll der Freiheit.

 

27. März

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Oft reagieren wir auf Situationen reflexartig, ohne innezuhalten, ohne nachzudenken, einfach aus dem hohlen Bauch. Und nicht selten fragen wir uns später, wieso wir reagierten, wie wir es taten, da wir mit ein wenig Abstand bemerken, dass unsere Reaktion weder angemessen noch klug war. Was ist passiert?

Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Indem wir sie aus dem Bewusstsein verbannt haben, denken wir, sie losgeworden zu sein. Doch weit gefehlt. Sie toben sich fortan in unserem Unterbewussten aus und verleiten uns zu Reaktionen, die nicht aus der aktuellen Situation entstehen, sondern diesen unbewussten Kräften geschuldet sind.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, da sie dann noch viel mehr Leid und Schmerz mit sich bringen. Wir müssen uns ihnen stellen, wollen wir sie verarbeiten und frei davon sein.

Erich Kästner: Sachliche Romanze

Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

26. März

„Auf welche Art wird man mittelmäßig? Dadurch, dass man heute das und morgen jenes so dreht und wendet, wie die Welt es haben will, dass man der Welt nur ja nicht widerspricht und nur der allgemeinen Meinung beipflichtet.“ (Vincent van Gogh)

Wer immer versucht, es anderen recht zu machen, vergisst, dass er dabei jemanden vergisst: Sich selber. Klar sollen wir nicht durchs Leben gehen und nur unsere Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, nur sie ganz zu vergessen, hilft keinem. Durch die ständige Selbstaufgabe wird in dir eine Unzufriedenheit wachsen, die du bei einer (meist unpassenden) Gelegenheit den anderen spüren lässt. Und dann leidet ihr beide. Und: Je mehr Menschen um uns sind, denen wir es recht machen wollen, desto schwieriger wird es. Ein altes Sprichwort sagt denn auch:

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Drum: Stehe für dich ein, nimm dich ernst, auch deine Bedürfnisse sind wichtig. Und: Alle Menschen haben Bedürfnisse und es ist wichtig, diese auch ernst zu nehmen. Bedürfnisse mögen sich in ihrer Wichtigkeit unterscheiden, nicht aber nach Menschen. Kein Mensch ist wichtiger als der andere, weswegen keines Menschen Bedürfnisse automatisch über denen anderer steht. Und schon gar nicht stehen die Bedürfnisse aller anderen über deinen.

 

25. März

„Wenn wir unser Leiden erst einmal mit unseren Verhaltensmustern in Verbindung gebracht haben, werden wir künftig weiser handeln.“ (Eknath Easwaran)

Es gibt wohl kein Leben, das nicht mit Schmerzen verbunden ist. Wünsche werden nicht erfüllt, Unfälle passieren, Beziehungen zerbrechen, Menschen werden krank, sterben – die Liste schmerzhafter Erfahrungen liesse sich endlos verlängern. Allerdings sind es nicht diese Dinge, die uns mehrheitlich leiden lassen, es ist unsere Haltung zu ihnen.

Indem wir krampfhaft versuchen, das zu erreichen und zu bewahren, was wir wollen, und das zu meiden oder loszuwerden, was wir nicht wollen, messen wir den Dingen einen Wert zu, den diese nicht haben. Die Dinge sind, wie sie sind und als solche sind sie unbeständig. Nichts, was ist, währt ewig. Wenn wir uns also an etwas klammern, provozieren wir durch diese Haltung unser Leiden selber, denn es liegt in der Natur der Sache, dass es uns irgendwann genommen wird. Und ja: Der Verlust eines lieben Menschen schmerzt trotz dieses Wissens, aber das Leid verdoppelt sich nicht durch unser Zutun.

Alles, was wir können, ist, die Dinge und Menschen zu schätzen, wenn sie da sind, uns an ihnen zu erfreuen, und sie dann loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Mit der Dankbarkeit im Herzen, dass sie da waren, und dem Wissen, dass etwas Neues entstehen wird.