Das Schöne sehen

„Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.“ Ralph Waldo Emerson

Ab und an hilft es, die Perspektive zu wechseln. Es hilft, quasi mal von aussen auf das eigene Leben zu schauen und zu sehen, was in diesem Leben eigentlich alles da ist. Wie oft sind wir damit beschäftigt, daran zu denken, was wir alles gerne hätten, statt zu geniessen, was wir haben? Wie oft suchen wir nach dem Schönen und Guten an allen möglichen Orten, nur nicht bei uns selber?

Hilfe zur Selbsthilfe

„Wer ans Ziel getragen wurde, darf nicht glauben, es erreicht zu haben.“ Marie von Ebner-Eschenbach

Als Kind wollte ich immer alles selber machen. Egal, wo ich anstand, egal, ob es schwierig war: Ich wollte nicht, dass man mir hilft oder es mir abnimmt, mein Lieblingssatz war „Selber machen.“

Mein Papa verstand mich darin oft nicht, hätte er mir doch gerne geholfen, mir das Lego aus den Händen genommen, das nicht passen wollte und es selber zusammen gesteckt. Aber nein. Ich war stur.
Sicher gab es immer Dinge, die ich mir gerne abnehmen lasse, Erledigungen, die mir nicht liegen oder auch sonstige Hilfe, wo ich etwas selber nicht kann, nehme ich gerne an, aber: Wenn ich etwas erreichen will, dann will ich es selber machen. Ich will am Schluss dastehen können und auf den Weg zurück schauen, im Wissen: Ich bin ihn gegangen und ich habe das Ziel erreicht. Das gibt mir ein gutes Gefühl, nämlich das Gefühl, Dinge schaffen zu können.

Anderen helfen zu wollen ist oft gut gemeint. Wenn man aber die Dinge einfach für sie tut, nimmt man ihnen die Möglichkeit, zu lernen und selber zu wachsen. Wenn ich etwas nicht kann, ist es doch viel schöner, wenn mir jemand zur Seite steht und mit mir anschaut, wie ich es schaffen kann. Und vielleicht begleitet er mich auch auf dem Weg zum Ziel. Doch gehen will ich ihn alleine. Nur so wachse ich, nur so lerne ich, nur so komme ich weiter.
Wenn also nächstes Mal dein Kind oder deine Freundin zu dir kommt und will, dass du etwas für sie tust: Wieso nicht mal hinschauen, ob nicht ein Anstoss reichte, statt eine pfannenfertige Lösung zu präsentieren?

Schreibend das Leben erkunden

„Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Hals zu schaffen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wenn mich etwas belastet, Situationen schwierig erscheinen oder aber Vergangenes nachhängt, schreibe ich drüber. Ich versuche dabei oft, nicht zu viel zu überlegen, sondern die Gedanken einfach aufs Papier fliessen zu lassen. Oft entwickelt sich dabei ein Weg von aussen nach innen:

Beschreibe ich zuerst noch die Situation, kommen später Gedanken und Gefühle dazu. Ab und an entwickeln sich auch Assoziationen oder Ideen, wie mit der Situation umzugehen. Nicht selten kommt es während des Schreibens auch zu einem Perspektivwechsel. Ich stelle mich in Frage, meine Reaktion, sehe im vorher nur Schlechten auch Gutes.
So oder so: Das Schreiben hilft mir, das Vergangene (und Präsente) zu erkennen, zu durchleuchten, damit umzugehen – und es schlussendlich auch loszulassen. Weil ich gemerkt habe, wie gut mir die schriftliche Innenschau tut, habe ich schon vor langer Zeit (fast) tägliche Schreibrituale eingeführt.

 

Demut

„Demut besteht nicht darin, dass wir uns für minderwertig halten, sondern darin, dass wir vom Gefühl unserer eigenen Wichtigkeit frei sind. Dies ist ein Zustand der natürlichen Einfachheit, der im Einklang mit unserer wahren Natur ist und uns erlaubt, die Frische des gegenwärtigen Augenblicks zu schmecken.“ Matthieu Ricard

Wenn jeder Mensch ein wenig mehr Demut an den Tag legen würde, wäre die Welt ein angenehmerer Ort. Wir sind alle Teil eines grossen Ganzen, das in jedem von uns angelegt ist. Wie viel grösser ist dieses Ganze als der kleine Teil, den wir „Ich“ nennen? Was blasen wir uns also so auf?

Mit mehr Demut kämen mehr Dankbarkeit, Liebe und Mitgefühl in die Welt, das Glück folgte auf dem Fusse… was wollte man mehr?

Der Tod als Chance fürs Leben

Wenn man mir einen Tag schenken würde, ich einfach tun könnte, was mir am Herzen liegt, ich danach sterben würde. Was täte ich? Ich stiess heute beim Schauen eines Films auf die Frage und überlegte. Und ja, vielleicht täte ich nicht mal wirklich etwas anderes, als ich es aktuell immer tue. Ich möchte die Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringen, möchte lachen, essen, geniesen. Ich möchte lesen, diskutieren, den Sonnenuntergang anschauen. Möchte tanzen, Musik hören, auf meiner Gitarre spielen. Und ja, das sind keine spektakulären Dinge, es sind die kleinen Freuden des Alltags, für die ich dankbar bin, sie erleben zu dürfen. Weil sie mir genau so entsprechen. Aber es gab andere Zeiten in meinem Leben.

Ich steckte und stellte zurück, versuchte zu genügen, zu erfüllen, eigene und fremde Erwartungen. Ich war gefangen in einem Hamsterrad, Sklave eines eigenen Perfektionismus, dem ich nie entsprechen konnte. Die Messlatte war hoch. Zu hoch. Wenn ich was tat, musste es zu was gut sein. Kürzlich kaufte ich mir eine Gitarre und übe nun. Nur zur eigenen Freude. Was für eine Befreiung. Das würde ich an meinem letzten Tag auch tun wollen.

Aber es geht nicht nur mir so. Wie oft hörte ich schon in meinem Umfeld: „Wenn ich…. dann werde ich….Kaum einer hat es getan. Die einen sind gestorben, anderen entsprachen die so lange gehegten und erzählten Träume doch nicht wirklich.

Wenn man etwas wirklich will, von tief innen heraus, gibt es wohl nur eine richtige Zeit, sich den Traum zu erfüllen: Jetzt. Damit sage ich nicht, dass alles immer und überall möglich ist, die Frage ist bei vielem aber auch, wieso man davon träumt. Sind es wirklich tiefe Wünsche oder eher Phantasien, um etwas zu entkommen, das im Leben grad schwer ist?

Wieso träumen wir unsere Träume? Was steckt dahinter? Wirkliche Wünsche oder sind sie ein Zeichen für etwas in unserem Leben, das nicht passt? Wenn es wirkliche Wünsche sind, was hält uns ab, sie zu verwirklichen? Und: Hält uns wirklich was ab oder haben wir insgeheim doch Angst, weil sie Neues in unser Leben brächten, wie gewohnte Pfade verlassen müssten?

Wenn ich morgen sterben würde, wie lebte ich den heutigen Tag? Wir können viel vom Tod lernen, allem voran, wie wir leben wollen. Es heisst, die Angst vor dem Tod sei die grösste Angst überhaupt, sie stehe hinter allen anderen Ängsten, aber eigentlich ist der Tod auch ein Geschenk: Er zeigt, dass die Zeit hier auf Erden kostbar ist. Wenn wir ihn nicht verdrängen würden, so im Stil von „mir passiert das nicht“, würden wir bewusster mit der Zeit umgehen, die wir haben.

Noch ist es nicht zu spät. Wir alle können uns die Frage stellen, was wir an unserem letzten Tag tun würden. Und wir können es jetzt schon tun. Vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder am Wochenende. Oft gehört dazu auch, hinzuschauen, wovor wir Angst haben, denn ganz oft ist die Angst es, die uns im Wege steht, heute schon so zu leben, wie wir es tief drin gerne würden. Wir müssen nicht erst den Tod vor Augen haben, um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, wir müssen den Mut haben, es in die eigene Hand zu nehmen und herauszufinden, was wir wirklich wollen.

Was würdest du tun, wäre dies heute dein letzter Tag? Wann tust du es?

Das Paradies ist hier

„Der Himmel ist genauso unter unseren Füßen wie über unserem Kopf.“ Henry David Thoreau

Wieso erst nach den Sternen greifen? Wieso sich den Himmel wünschen als Paradies? Wieso nach dem streben, was nicht ist, statt zu schätzen, was schon ist und gut ist?

Oft sind wir so sehr mit unseren Wünschen und Begehren beschäftigt, dass wir völlig aus dem Blick verlieren, was wir schon haben. Wir nehmen es als selbstverständlich und gehen darüber hinweg, den Blick immer auf das gerichtet, was wir ersehnen.
Wieso nicht mal achtsam hinschauen, was ist, und dankbar sein? Wieso nicht auch mal danke sagen für all das, was uns Gutes widerfährt, für die Menschen, die uns gut gesinnt sind?

Einfach leben

Stammbuchverse
So: sage ich. Nimm die Sonne
Scheint sie nicht? Doch sie scheint.
Bist du gesund? Dann lebe!
Wies dich auch plagt und peint.

Was alles unvollkommen,
Welt, wie verworren sie ist.
Hasse nicht. Leide nicht. Liebe.
Denk, daß du sterblich bist.
(Eva Strittmatter)

Wir haben dieses eine Leben. Leben wir es! Wie oft halten wir uns damit auf, uns über die Dinge zu sorgen, die wir gerne anders hätten? Wie viel Zeit vergeuden wir, Wünschen und Begierden hinterherzurennen, die uns nicht glücklich machen werden? Wie viel Zeit vergeht damit, über verpasste Chancen nachzudenken, gemachte Fehler zu bedauern, vergangenen Zeiten nachzutrauern?

Wir haben dieses eine Leben. Es mag nicht immer perfekt sein, aber es ist schön, wenn wir es nutzen. Jetzt und hier, und es leben.