Erich Kästner: Sachliche Romanze

Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

Eva Strittmatter: Werte

Eva Strittmatter 8. Februar 1930 – 3. Januar 2011

Werte
Die guten Dinge des Lebens
sind alle kostenlos:
die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?
Das kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte
und Wasser als Lebensgewinn,
und Liebe, die unbegehrte,
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen die Zeit mit ein,
wir leben eilig und wichtig
und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen
wir eine Pflicht und Last.
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Und das Leben kommt dem zuteuer,
der es zu billig auffasst.
(1977)[1]

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Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte, wie man leben soll

Wann haben wir die wirklichen Werte im Leben verloren und angefangen, Dingen hinterherzurennen, die statt einem Wert nur einen Preis haben? Wie schön wäre das Leben, wenn wir wieder lernen würden, tief durchzuatmen, das Schöne zu sehen, das Lebenswerte zu schätzen, mit Liebe zu leben.

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[1]zitiert aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Lyrische Helfer: Hermann Hesse „Bücher“

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.
(Hermann Hesse, 1918)

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Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte für glückliche Zeiten oder wenn man das Glück sucht

Wir alle wollen glücklich sein und tun auch sehr viel, das Glück zu finden. Wir denken, wir müssen etwas bestimmtes haben, leisten oder erreichen, damit das Glück in unser Leben kommt, suchen es bei Menschen, in Büchern, gar in Therapien. Wir sind wie der Bauer, der aufbricht, um einen Schatz zu finden und nicht merkt, dass dieser im eigenen Garten schon da gewesen wäre, er hätte ihn nur sehen und giessen müssen.

Wir sind wie ein Garten, in uns ist alles Gute (und auch anderes) angelegt. Wir entscheiden, was davon wir giessen und zum Wachsen bringen. Wenn wir in uns die guten Anlagen wie Liebe, Mitgefühl und Güte giessen, wird sich das Glück von selber einstellen. Glück findet sich nicht im Aussen, wir können es nicht erreichen. Es ist schon da, wir müssen es nur sehen und wachsen lassen.

Einfach leben

Stammbuchverse
So: sage ich. Nimm die Sonne
Scheint sie nicht? Doch sie scheint.
Bist du gesund? Dann lebe!
Wies dich auch plagt und peint.

Was alles unvollkommen,
Welt, wie verworren sie ist.
Hasse nicht. Leide nicht. Liebe.
Denk, daß du sterblich bist.
(Eva Strittmatter)

Wir haben dieses eine Leben. Leben wir es! Wie oft halten wir uns damit auf, uns über die Dinge zu sorgen, die wir gerne anders hätten? Wie viel Zeit vergeuden wir, Wünschen und Begierden hinterherzurennen, die uns nicht glücklich machen werden? Wie viel Zeit vergeht damit, über verpasste Chancen nachzudenken, gemachte Fehler zu bedauern, vergangenen Zeiten nachzutrauern?

Wir haben dieses eine Leben. Es mag nicht immer perfekt sein, aber es ist schön, wenn wir es nutzen. Jetzt und hier, und es leben.

Mascha Kaléko: Für Einen

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen,

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern … das ist Wellenspiel,

Du aber bist der Hafen.*

(1934)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Welch ein Glück, einen Menschen an seiner Seite zu haben, der einem Zuhause ist, sicherer Hafen im oft turbulenten Wellenmeer des Lebens. Wie schön, auch in Zeiten, in denen man getrennt ist, zu wissen, dass da jemand ist. Und ist man erst da, ist man angekommen, ist man daheim, denn: Zu Hause ist da, wo das Herz ist. Oder wie sagte Christian Morgenstern:

„Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.“

*Zitiert nach Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft, dtv