Philosophischer Dialog

Gespräche dienen der Kommunikation. Oft wird diese verstanden als Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

„Schliesslich besteht der Zweck dieser Reden darin, dass wir miteinander kommunizieren. Es geht nicht darum, Ihnen eine Reihe von Vorstellungen aufzudrängen. Vorstellungen und Ideale verändern nie den Geist, führen nie zu einer radikalen Veränderung des Bewusstseins. Aber wenn wir zur gleichen Zeit auf der gleichen Ebene persönlich miteinander kommunizieren können, dann ist vielleicht ein Verstehen möglich, das nicht blosse Propaganda ist.“

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

• die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
• Begegnung auf Augenhöhe
• die Bereitschaft, sich selber einzubringen
• Authentizität in Wort und Gefühl
• direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
• Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
• Wirkliches Zuhören
• Gegenseitiger Respekt
• Offenheit
• Verantwortung übernehmen
• Gegenseitiges Lernen
• Mitgefühl

Nur wenn sich Menschen als Menschen auf Augenhöhe begegnen, wenn sie sich ganz und so, wie sie sind, einbringen, wenn sie sich so geben, wie sie sind, statt etwas darstellen zu wollen, wenn sie auf das reagieren, was wirklich ist, statt auf vorgefertigte Muster zurückzugreifen, anderen Sichtweisen und Meinungen gegenüber offen bleiben, diese wirklich anhören und in sich hineinhören, was das mit einem selber macht, dann ist ein wirklicher Dialog möglich. Und dann wird sich etwas verändern. In allen am Dialog beteiligten. Dann lernen alle voneinander und gehen gestärkt und reicher aus dem Dialog heraus.