Die Kraft des Schreibens (Journaling)

Das irgendwann als langweilig empfundene Tagebuchschreiben ist dem heute modernen Journaling gewichen. Was geblieben ist, ist der positive Effekt, den das Schreiben für das eigene Leben haben kann.

Ich habe eine Zeit lang das gemacht, was man expressives Schreiben nennt: ich schrieb ohne gross nachzudenken, ohne den Stift je abzusetzen, drauf los und war immer selber überrascht, was dabei rauskam. Diese Art des Schreibens hat mir viel gezeigt, das mir nicht wirklich bewusst war, das aber doch in der Tiefe verborgen lag. Heute bin ich dazu übergegangen, gezielter vorzugehen:

Ich schreibe strukturierter, nutze spezifische Fragen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich versuche, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, Situationen zu analysieren. Schreiben hilft mir, mir selber auf den Grund zu gehen, meine Muster und Verhaltensweisen besser verstehen zu lernen und gegebenenfalls neue Wege zu finden, in ähnlichen Situationen anders zu reagieren.

Eine Übung, die ich seit einiger Zeit regelmässig mache, sind die Gedanken zum Tagesabschluss. Vor allem das Nachdenken  darüber, wofür ich an diesem Tag dankbar bin, hat mir über die Zeit hinweg geholfen, allgemein eine positivere Sicht aufs Leben zu entwickeln. Es gibt an jedem Tag viel, wofür wir dankbar sein können – wir müssen es nur sehen.

Legen wir los:
Was braucht es zum Journaling? Eigentlich nichts ausser einem Stift, einem Notizbuch und etwas Zeit. Ich mach es mir gerne mit einer Tasse Tee gemütlich, zünde eine Kerze an, um mich mit diesem Ritual aufs Schreiben einzustimmen. Was ich auch mag, sind schöne Notizbücher, da dann der Anreiz, es in die Hand zu nehmen, noch grösser wird. Und schon kann es losgehen.

Im folgenden stelle ich drei unterschiedliche Möglichkeiten fürs Journaling vor:

Start in den Tag
Stelle den Wecker 10 Minuten früher und mach es dir mit deinem Journal bequem. Wenn noch etwas aus der Nacht nachhängt, schreib es auf, dann starte mit den Tagesgedanken:

  • Was erwartest du vom heutigen Tag?
  • Was wünschst du dir für den heutigen Tag?
  • Was kannst du tun, dass es für dich ein guter Tag wird?

Ausklang des Tages
Mache es dir mit deinem Journal bequem und lasse den Tag Revue passieren:

  • Was ist dir heute gut gelungen?
  • Was ist dir heute nicht gut gelungen?
    • Was ist passiert?
    • Wie kam es dazu?
    • Wie hast du dich dabei gefühlt?
    • Was könntest du tun, dass das so nicht nochmals passiert?
    • Wie kannst du dir verzeihen?
  • Für welche drei Dinge bist du heute dankbar?

Fragen ans Leben
Es gibt immer wieder Zeiten, in denen das Leben nicht rund läuft. Gerade in Krisen kann ein Journal eine gute Stütze sein, weil man sich beim Schreiben intensiver mit allem auseinander setzt. Das kann auf den ersten Blick auch Angst machen, da man gerade die negativen Gefühle eher meiden will, statt noch drin rumzustochern. Nur: Negative Gefühle gehen nicht einfach weg. Wenn du dich ihnen nicht stellst, werden sie um Unterbewussten ihr Unwesen treiben und dir das Leben schwer machen.

Fragen bei einer Lebenskrise

  • Was belastet mich?
  • Wie kam es zu dieser Krise? Was war der Auslöser?
  • Was genau ist schwer für mich dabei?
  • Welche Gefühle habe ich?
  • Wie spüre ich sie im Körper?
  • Was ist mein Anteil an der Krise?
  • Kann ich aus dieser Krise etwas lernen?
  • Was könnte mir nun in der Situation helfen?
  • Schaffe ich das alleine oder kann mir jemand helfen?

Fragen bei Auseinandersetzungen

  • Was ist passiert?
  • Wie kam es dazu?
  • Wie fühlte ich mich in der Auseinandersetzung?
  • Wo spürte ich die Gefühle im Körper?
  • Wie fühle ich mich jetzt nach der Auseinandersetzung?
  • Was war mein Anteil an der Auseinandersetzung?
  • Was genau traf bei mir einen wunden Punkt?
  • Woher habe ich diesen wunden Punkt?
  • Hätte ich besser reagieren können?
  • Kann ich mir und dem anderen verzeihen? Was brauche ich dazu?
  • Was hilft mir jetzt, um mich besser zu fühlen?

Durch diese Fragen ist nicht automatisch alles wieder gut, auch sind nicht alle negativen Gefühle einfach weg. Das Schreiben kann aber helfen, sich der eigenen Gefühle bewusster zu werden und zu lernen, besser damit umzugehen. Es kann dabei helfen, Gefühle anzunehmen, statt sie nur zu verdrängen. Nur angenommene Gefühle kann man verarbeiten und gestärkt weiter gehen.

„Du lernst für dich!“

Wie oft hörte ich das in meiner Schulzeit und ich konnte es kaum glauben. Klar, Schule wurde als das hingestellt, was mich auf die Zukunft vorbereiten, das mir den Zugang zu einer Ausbildung, zu einem Studium, zu einer weiterführenden Schule ermöglichen sollte. Und so lernte ich, was mir vorgegeben wurde, zu lernen. Sinn und Zweck sah ich selten, was sich auf die Lernmotivation niederschlug und oft das Lernen eher als notwendiges Übel denn als sinnvolle Tätigkeit erscheinen liess.

Lernen in der Form, wie ich es in der Schule kennengelernt habe, war eigentlich kein wirkliches Lernen, es war eher das Pauken von Inhalten, die mir vom Lehrer frontal gegen den Kopf geschleudert wurde und die ich nun in diesem hätte ansammeln sollen. Dass sich diese Inhalte oft nur kurzzeitig und nur gerade im Hinblick auf eine Prüfung niederliessen, bestärkt die Ansicht, dass von Lernen, wirklichem Verinnerlichen, kaum die Rede sein konnte.

Von vielem, das ich damals gehört habe, ist kaum etwas geblieben. Das ist insofern schade, als ich heute finde, dass ganz vieles davon spannend gewesen wäre, dass es mich eigentlich interessieren würde. Nun ist es nicht so, dass ich ein gänzlich uninteressiertes Kind gewesen wäre, im Gegenteil. Es gelang im Unterricht in der Form schlicht nicht, mein Interesse zu wecken. Das hatte verschiedene Gründe:

  • Ich sah beim Lehrer selten eine eigene Faszination für den Stoff. Meist leierten unsere Lehrer die gleichen Inhalte auf die gleiche Art und Weise runter, wie sie das schon seit Jahren getan hatten.
  • Ich sah in vielen Inhalten keinen Sinn für mein Leben, da ich sicher war, die Mehrheit davon nie mehr im Leben brauchen zu können. Und ich habe recht behalten.
  • Das stupide Auswendiglernen von prüfungsrelevantem Stoff tötete noch den letzten Funken an Interesse in mir.

Und ja, so fühlte es sich schlicht nicht so an, als ob ich für mich lernte – ich lernte für die Schule. Ich lernte für eine Schule, die so ausgerichtet war, dass sie mir Stoff eintrichtern musste nach Lehrplan, welcher für mich nicht relevant war, auf eine Weise, die weder kindgerecht noch lernpsychologisch sinnvoll war.

Nun kann man sagen, dass man es nicht besser wusste. Das wage ich zu bezweifeln, denke ich nur an Aussagen von Humboldt, Dewey oder auch Piaget (um nur einige wenige zu nennen, die Liste wäre lang). Seit da kam die Hirnforschung dazu, welche viele der Aussagen stützte, vor allem aber, dass Lernen, wie es heute in Schulen gefordert wird, nicht den menschlichen Anlagen entspricht.

So oder so: Wenn ein Kind wirklich für sich lernen soll, dann müsste dieses Lernen auf eine ihm mögliche Weise geschehen können und es müsste für sein persönliches Leben einen Sinn ergeben. Im Hinblick darauf, dass wir in unserer immer schneller sich verändernden Welt keine Ahnung mehr haben, welche Berufe es in der Zukunft noch geben wird, wäre es wichtig, dem Kind Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, welche ihm eine Anpassung an diese sich verändernde Welt ermöglichen. Zudem müsste es sich in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt orientieren und austauschen können. Es müsste, um in eben dieser Welt friedlich mit andern zusammenleben zu können, Werte verinnerlichen, die dieses Zusammenleben ermöglichen. Es muss wissen, wie und wo es sich Informationen beschaffen und wie es diese verinnerlichen kann – was es von Natur aus könnte, würde man ihm dieses natürliche und autonome Lernen nicht abgewöhnen würde durch zu viele vorgefertigte Antworten, welche das neugierige Fragen im Keime ersticken.

Werte und Fähigkeiten und Kompetenzen in grundlegenden Bereichen, die lebensrelevant in einer Welt des Miteinanders sind, wären also das, was in Schulen vermittelt werden sollte. Dass eine gewisse Allgemeinbildung durchaus sinnvoll ist, soll nicht bestritten werden, allerdings sollte es dem Interesse des Kindes überlassen werden, wie tief es in gewissen Bereichen gehen (nämlich so weit, wie es für seinen persönlichen Lebensweg sinnvoll erscheint) und auf welchen Wegen es sich diesen Stoff erarbeiten will.

Damit plädiere ich nicht dafür, den Lehrer abzuschaffen und die Kinder auf sich selber gestellt zu lassen beim Lernprozess, im Gegenteil. Lehrer sind wichtig. Allerdings sollte ihre Aufgabe weniger in der dozierenden Fachvermittlung liegen, als mehr in der Begleitung auf den individuellen Lernwegen und im Aufbau einer Beziehung, welche dem Kind Halt und einen geschützten Rahmen gibt auf seiner Reise durch die Lernwelten.

Weshalb, wieso, warum? – Philosophieren mit Kindern

Weshalb, wieso, warum?

Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert?

Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Diese Fragen knüpfen an etwas an, das ich bereits weiss, und zeigen auf eine Lücke, die ich noch habe, auf etwas, das ich nicht weiss oder verstehe. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

„Eine der verbreitesten Krankheiten ist die Diagnose.“

Dies stellte einst Karl Kraus fest und trifft damit einen wichtigen Punkt. Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort eine Rückfrage stellen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden sollte in meinen Augen Pflichtfach in Schulen werden. Damit ist nicht der althergebrachte Philosophie-Unterricht gemeint, in welchem alte Schriften gelesen und interpretiert werden, sondern Philosophieren stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können.

Das Schöne dabei ist, dass wir als Erwachsene dadurch auch von den Kindern lernen: Wir lernen wieder hinzusehen, kreativ zu denken, werden vom Staunen und der Neugier angesteckt und stossen auf Antworten, die in unserem teilweise durch Vorwissen festgefahrenen Denken nicht mehr erscheinen.

 

Staunend vom Leben lernen

Es war einmal ein kleines Kind,
das fragte viel, wie Kinder sind.
Wieso ist die Banane krumm?
Wer ist gescheit und wer schlicht dumm?

Wo kommt die Liebe her, wo geht sie hin?
Will ich da sein, wo ich jetzt bin?
Haben Tiere auch Gefühle,
gibt’s in Jerusalem genügend Stühle?

Was sehe ich, was du nicht siehst,
Wer ist nun schön und wer das Biest?
Wer muss gehorchen, wer hat Macht?
Was ist ein Krieg, was nur ne Schlacht?

Wieso sind Früchte so gesund,
was macht den Mond oft kugelrund?
Wie melkt man eigentlich die Mäuse
und wie kriegt man schlussendlich Läuse?

Was macht im Sommer Blumen bunt,
und wer bestimmt die letzte Stund’?
In welchem Alter ist man wirklich alt
und wie viel Grad sind bitterkalt?

So fragt das Kind ganz munter weiter,
von bewölkt bis richtig heiter.
Man sitzt so da und staunt gar gross,
woher nimmt es die Fragen bloss?

Es sind die Fragen schlichtes Streben,
zu verstehen, ganz zu leben,
mit jeder Blume, allem Schönen,
der Lebensfreude neu zu frönen.

Drum seid euch sicher, eins ist klar:
Was richtig ist, und was ist wahr,
das findet nur, wer Fragen stellt,
weil sich dann die Welt erhellt.

Bewahre drum das Staunen dir:
Sind zwei mal zwei auch wirklich vier?
Denn was wir glauben oder sehen,
eines bleibt: Wunder geschehen!

@Sandra Matteotti