17. März

„Heute bin ich allen bedrückenden Umständen ausgewichen, besser gesagt, ich habe mich von ihnen befreit, denn der Druck kam nicht von aussen, sondern von mir und meinen Annahmen.“ (Marc Aurel)

Die Eltern sind schuld für das verpfuschte Leben, der Chef für die ausgebliebene Karriere, der doofe Exfreund an der Tatsache, dass auch künftige Beziehungen in die Hosen gingen. Nur: So lange wir uns als Opfer von Situationen oder Menschen sehen, werden wir genau das auch bleiben: Opfer. Und wir merken dabei nicht, dass wir selber es sind, die uns zu diesem Opfer machen, indem wir uns diese Geschichten erzählen. Bei den Eltern sind wir längst ausgezogen, hätten also spätestens beim Auszug die Gelegenheit gehabt, von nun an eigene Wege zu gehen. Vielleicht liegt es nicht am Chef, sondern an unserer Haltung zu diesem oder zu unserer Arbeit, dass wir nicht weiter kommen? Und wenn nicht, könnten wir vielleicht auch dran denken, etwas am Arbeitsumfeld oder gar der Tätigkeit zu ändern? Mit dem Exfreund sind wir nicht mehr zusammen, geben ihm aber immer noch Macht über unser Leben, indem wir innerlich permanent hadern, statt nach vorne zu schauen.

Es sind selten die äusseren Umstände, welche uns leiden lassen, sondern mehrheitlich ist es unsere Haltung: Statt die Dinge, die passieren, anzunehmen und zu schauen, wie wir konstruktiv damit umgehen könnten, lassen wir uns in eine Gedanken- und Gefühlsspirale ziehen, aus der nur eines resultiert: Leiden. Wenn wir das erkennen, können wir die Spirale durchbrechen und statt Opfer Steuermann unseres Lebens werden.

16. März

„Die Wurzel der Weisheit liegt in der Beobachtung des eigenen Geistes.“ (Gönpawa)

Weisheit bedeutet, das zu erkennen, was wirklich ist, statt Illusionen aufzusitzen. Wie oft tun wir aber genau das Gegenteil? Wir messen dem Wert zu, das keinen hat, suchen nach Glück im Aussen, statt es in uns selber zu finden. Wir denken in Kategorien wie ich und mein und hängen uns daran, so dass der (Gedanke an den) Verlust uns ins Leiden stürzt.

Überhaupt: Wir denken in einem fort, ohne Pause. Wir bewerten und verurteilen uns und andere, bedauern oder planen, schimpfen und toben, springen von Thema zu Thema. Wenn wir das durch genaue Beobachtung erkennen, haben wir den Boden für Weisheit gesetzt. Und: Wir haben ganz viel Leiden den Boden entzogen.

 

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

15. März

„Wer sich selbst recht kennt, kann sehr bald alle anderen Menschen kennenlernen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

„Wieso habe ich das getan? Was hat mich wohl dazu gebracht?“ Wir haben wohl alle schon mal Dinge getan, bei denen wir im Rückblick den Kopf über uns selber geschüttelt und uns nicht verstanden haben. Das ist durchaus menschlich, hinterlässt aber doch immer auch schlechte Gefühle, vor allem, wenn man sich völlig anders, als man sich das für sich wünschen würde, verhielt.

Was können wir aber tun, um solche Situationen zu vermeiden? Helfen wird wohl nur der Blick nach innen und sich die Anfangsfragen immer wieder zu stellen – bis man eine Antwort findet und sich dadurch ein wenig besser kennenlernt in seinem Verhalten. Und wenn wir uns so immer selber besser kennen und verstehen lernen, lernen wir auch andere Menschen besser kennen, weil wir begreifen, dass auch sie in ihrem Verhalten teilweise unbewusst gesteuert werden.

Aus diesem Kennen und Verstehen entwickeln wir immer auch mehr Verständnis – für uns und andere.

14. März

„Wenn du wissen willst, wer du warst, dann schau, wer du bist. Wenn du wissen willst, wer du sein wirst, dann schau, was du tust.“ (Buddha)

Wir alle kennen wohl Phasen, in denen wir nicht zufrieden sind mit uns. Statt uns nun dafür zu verurteilen, können wir schauen, wie wir so wurden, wie wir sind, wie wir dahin kamen, wo wir stehen. Was haben wir in der Vergangenheit getan, das uns an diese Stelle führte?

Wenn wir dies herausgefunden haben, liegt es an uns, unser Verhalten zu ändern, um an einen anderen Punkt zu gelangen, einen, der uns besser zusagt. Solche Veränderungen sind sicher nie einfach, sie brauchen Zeit und es bedarf der Übung. Aber: Sie sind möglich.

Wenn wir also wissen, wie wir gerne wären, wenn wir ein Bild davon haben, was für ein Mensch wir sein wollen, gilt es, den Weg dahin zu finden, welcher über unser Tun führt. Wie kann ich das richtige tun, um der zu werden, welcher meinem besten Ich für mich entspricht? Und dann gilt es, loszulaufen auf dem Weg dahin.

Was wir säen, ernten wir, was wir tun, bestimmt, wozu wir werden.

13. März

„Durch Selbstbeobachtung kommt automatisch mehr Gegenwärtigkeit in dein Leben. In dem Moment, wo du erkennst, dass du nicht in der Gegenwart bist, bist du gegenwärtig.“ (Eckhart Tolle)

Wir gehen durchs Leben und sind doch oft selten nicht da, wo wir stehen – zumindest in Gedanken. Während wir auf den Bus warten, gehen im wir im Kopf die Einkaufsliste durch, während wir beim Essen sitzen, denken wir daran, was wir danach noch erledigen müssen, am Sonntag Abend beim gemütlichen Beisammensein denken wir daran, dass wir am Montag wieder zur Arbeit müssen. Oder aber wir denken darüber nach, was uns gestern passiert ist, was wir am letzten Wochenende erlebt haben, oder wie uns jemand kürzlich verletzt hat.

Erinnerungen und Planungen sind nicht per se schlecht, wir leben ein Leben, das ein Gestern und ein Morgen hat, nur: Mehrheitlich verpassen wir deswegen das Heute, die einzige Möglichkeit also, wirklich zu leben.

Wenn wir uns angewöhnen, immer mal wieder genau hinzuschauen, wo wir gerade sind in den Gedanken, kann uns das helfen, den gegenwärtigen Moment klarer wahrzunehmen. Das Leben erhält dadurch viel mehr Farbe, viel mehr Lebendigkeit und vor allem Präsenz.

12. März

„Denn die, welche sich selber kennen, wissen, was gut für sie ist.“ (Xenophon)

 

Was will ich?
Was brauche ich?
Was tut mir gut?

Wie oft passiert es, dass wir zu Dingen ja sagen, die wir eigentlich nicht wollen? Und wie oft sagen wir ja zu etwas und merken erst später, dass uns das nicht liegt, nicht gut tut, eigentlich keinen Platz gehabt hätte? Wie aber können wir wissen, was wir wirklich wollen, wenn wir nie genau hinschauen? Klar haben wir vordergründig unsere Abneigungen und Wünsche, doch wie sieht es tiefer drin aus? Und wie stimmen diese vordergründigen Bewertungen mit den tieferen Bedürfnissen überein? Haben wir Zeit und Kraft, ihnen nachzukommen? Entsprechen sie uns überhaupt wirklich?

Nur wenn wir uns darum bemühen, uns wirklich kennenzulernen, nur wenn wir unsere tiefen Bedürfnisse wahrnehmen, unsere Ressourcen einschätzen können, haben wir es auch in der Hand, richtig zu reagieren. Und ja, ab und an müssen wir dann auch nein zu etwas sagen, so unangenehm das sein mag, nur: Ein Nein zu etwas oder jemand anderem kann auch ein Ja zu uns selber sein.