Das sokratische Gespräch in der Schule

 

Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denk an die Frage jenes Kindes:
„Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“
(Erich Kästner)

Weshalb, wieso, warum?
Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort die Frage hinterfragen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können. Als Lehrer kann man das fördern: Durch das sokratische Gespräch.

Das sokratische Gespräch
Als sokratisches Gespräch bezeichnet man einen Dialog zu einem Thema, einem Gegenstand. Das Ziel ist, durch immer wieder neues Hinterfragen der gefundenen Antworten tiefer zu stossen und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Diese sind nie in Stein gemeisselt, sondern immer nur vorläufige Ergebnisse, die immer auch wieder neu hinterfragt werden können.

Namensgeber des sokratischen Gesprächs war der griechische Philosoph Sokrates, der tagein tagaus über den Marktplatz schlenderte und mit Menschen Gespräche führte. Die behandelten Themen waren vielfältig, die Methode der Gesprächsführung haben wir durch Platons Schriften (mehrheitlich Dialoge) kennengelernt: Jemand tritt mit einer Frage an Sokrates heran, die dieser für seine Klugheit bekannte Philosoph beantworten soll. Doch anstatt einfach eine pfannenfertige Antwort zu liefern, fragt er nach und bewirkt damit, dass der Fragesteller seine Frage selber bedenken und eine Antwort finden muss. Auch diese Antwort stellt Sokrates wieder in Frage, was zu weiterem Nachdenken und mitunter zum Anpassen der vorherigen Antwort führt.

Leonard Nelson, ein Göttinger Philosoph, hat diese Methode des Philosophierens anfangs des 20. Jahrhunderts als Sokratisches Gespräch benannt und fortan in weiten Kreisen – auch in der Pädagogik – propagiert. Durch gemeinsames Argumentieren soll ein Problem umkreist werden und gemeinsam nach einem Konsens über die Wahrheit darüber gesucht werden.

Die sokratische Methode verlangt von allen Beteiligten die Offenheit, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Sie bedingt, dass sich die Gesprächsteilnehmer gegenseitig ernst nehmen und verstehen wollen. Es geht weiter darum, offen die eigenen Überzeugungen und Zweifel zu erläutern:

„Ehrlichkeit des Denkens und Sprechens.“

lautet Nelsons Devise.

Das sokratische Gespräch in der Schule
Sokratische Gespräche können sowohl zwischen Schülern wie auch zwischen Lehrern und Schülern stattfinden. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen. Der Lehrer ist also nicht der, welcher mehr weiss, er ist genauso Teilnehmer am Gespräch wie die Schüler und unterliegt denselben Bedingungen, die für einen solchen Dialog notwendig sind:

• die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
• Begegnung auf Augenhöhe
• die Bereitschaft, sich selber einzubringen
• Authentizität in Wort und Gefühl
• direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
• Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
• Wirkliches Zuhören
• Gegenseitiger Respekt
• Offenheit
• Verantwortung übernehmen
• Gegenseitiges Lernen
• Mitgefühl

Es kann anfänglich allerdings sinnvoll sein, wenn der Lehrer (oder ein dazu bestimmter Schüler) darauf achtet, dass das Gespräch nicht zu sehr abschweift – es sei denn, das sei gewünscht und sinnvoll.

Sokratische Gespräche zwischen Schülern können dazu dienen, dass die Schüler miteinander im Austausch Themen und Fragestellungen erarbeiten. Der offene Austausch hilft dabei, die begrenzte Sicht des Einzelnen aufzubrechen und weitere Sichtweisen kennenzulernen. Dadurch können (Denk- und Sicht-)Grenzen erweitert und neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Bei sokratischen Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern passiert grundsätzlich dasselbe. Die Form der Gesprächsführung kann aber – im Gegensatz zu einem Frontalunterricht mit Lehrer-Schüler-Hierarchie – dazu beitragen, eine neue Beziehungsebene zwischen Lehrern und Schülern zu fördern, welche auf mehr gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert.

Weshalb, wieso, warum? – Philosophieren mit Kindern

Weshalb, wieso, warum?

Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert?

Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Diese Fragen knüpfen an etwas an, das ich bereits weiss, und zeigen auf eine Lücke, die ich noch habe, auf etwas, das ich nicht weiss oder verstehe. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

„Eine der verbreitesten Krankheiten ist die Diagnose.“

Dies stellte einst Karl Kraus fest und trifft damit einen wichtigen Punkt. Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort eine Rückfrage stellen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden sollte in meinen Augen Pflichtfach in Schulen werden. Damit ist nicht der althergebrachte Philosophie-Unterricht gemeint, in welchem alte Schriften gelesen und interpretiert werden, sondern Philosophieren stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können.

Das Schöne dabei ist, dass wir als Erwachsene dadurch auch von den Kindern lernen: Wir lernen wieder hinzusehen, kreativ zu denken, werden vom Staunen und der Neugier angesteckt und stossen auf Antworten, die in unserem teilweise durch Vorwissen festgefahrenen Denken nicht mehr erscheinen.

 

Lernen als Bedürfnis – Mit Haltung zum Gelingen

In vielen heutigen Schulen herrscht Unzufriedenheit. Der Schulbetrieb, wie er ist, funktioniert nicht, wie er sollte. Kritisiert man das von aussen, wird man schnell als Ketzer und Miesmacher hingestellt, nur: Wie sonst will man die ständigen Reformen interpretieren? Wäre alles wie gewünscht, käme niemandem in den Sinn, die Schule reformieren zu wollen. Man würde da stehen, sich auf die Schulter klopfen und sich an den wohl gelungenen Schülern erfreuen, welche als Resultat des gelungenen Unterrichts die Schule verlassen.

In Tat und Wahrheit sucht man händeringend nach einer Methode, wie man Schule optimieren könnte. Wie kann man durch eine Veränderung dessen, was ist, das korrigieren, was nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte? Die Frage ist dabei immer: Was soll Schule bringen? In der heutigen Zeit ist das angestrebte Ziel offensichtlich, Kinder zu funktionierenden Arbeitern im Wirtschaftsbetrieb auszubilden. Dazu werden Kinder mit Wissen aufgefüllt, das sie zu bestimmten Zeiten zwecks Überprüfung ihrer Leistung aufs Papier bringen müssen – quasi eine Wissensbulimie. Haften bleibt wenig, verwertbar ist ebenso wenig, vieles wird nur ausgekotzt.

Wie weit entfernt sind wir von dem, was schon Humbold als Bildungsideal vorschwebte: Nicht Berufsbildung soll im Zentrum stehen, sondern Menschenbildung. Der Mensch, davon war Humbold überzeugt, will lernen. Er will sich bilden. Wichtig ist, ihm zur Seite zu stehen, wenn er diesen Weg geht. Es geht auch nicht darum, Kinder für Berufe auszubilden, sondern, sie zu den Persönlichkeiten reifen zu lassen, die sie sein können.

Wenn Kindern die Neugier und Freude am lernen behalten, sich in Charakter und Person festigen dürfen, die Fähigkeiten erlernen, die sie brauchen, um ein verantwortungsvolles und partizipierendes Leben zu führen, werden sie die Offenheit behalten, sich in Berufen einarbeiten zu wollen. Auf diese Weise bewahren sie auch die Freiheit, auf neue Voraussetzungen und Situationen zu reagieren, weil sie lernfreudig sind und bleiben. Es geht darum, Kindern zu helfen, kritisch und kreativ denken zu lernen, um auf dieser Basis frei und selbstbestimmt handeln zu können und wollen.

Wie aber kommen wir nun da hin? Eine Methode wird das nicht schaffen. Methoden bedingen üblicherweise einen allgemeinen Anspruch. Sie gehen davon aus, dass man mit gleichen Mitteln bei gleichen Ansatzpunkten Gleiches erreicht. Das wird bei Menschen nicht funktionieren, da hier zwar immer Menschen als Menschen aufeinander treffen, sie als solche Gleiche, aber nicht gleich sind. Insofern kommt es also nicht auf die Methode an, ob etwas gelingt oder misslingt. Es ist eine Frage der inneren Haltung, mit der wir an die Dinge herangehen.

Gerade in der Schule (aber auch im Leben sonst) sind wir in Rollenmustern verhaftet, sehen uns als Gegner, die einander belehren, statt als Partner, die Lehren und Lernen als gegenseitigen Prozess sehen. Eine innere Haltung, die auf Wertschätzung, Respekt, Begegnung auf Augenhöhe, Miteinander und gegenseitigem Lernen beruht, ist eine Voraussetzung dafür, den richtigen Rahmen und Raum zu schaffen, in welchem Lernen wieder zum Grundbedürfnis und nicht zum auferlegten Zwang wird.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen Beziehungswesen sind[1] und immer danach streben, in Beziehung zu treten, das Verbindende zu sehen statt sich getrennt zu fühlen, ist die Grundvoraussetzung für eine für das Gelingen förderliche Umgebung eine wirkliche und tragfähige Beziehung – in der Schule zwischen Lehrer und Schüler. Eine Beziehung im wirklichen Sinne meint die Begegnung von Mensch zu Mensch und das auf Augenhöhe. Es findet hier keine Belehrung im üblichen Sinne statt, sondern ein Dialog. Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Voraussetzungen:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
  • Authentizität in Wort und Gefühl
  • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
  • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
  • Aktives Zuhören
  • Gegenseitiger Respekt
  • Offenheit
  • Verantwortung übernehmen
  • Lernen mit- und voneinander
  • Empathie

Der Lehrer ist nicht der Wissende, der dem Unwissenden etwas „beibringt“. Er ist ein Mensch, der den anderen Menschen auf seinem Weg begleitet – und beide lernen auf diesem Weg voneinander. Es geht nicht darum, dass der Lehrer pfannenfertige Antworten liefert, sondern er befeuert immer wieder die Neugier des Schülers und lässt diesen dann durch Fragen selber auf Antworten stossen.

Dass dies im herkömmlichen Frontalunterricht schwer zu erreichen ist, liegt auf der Hand. Neue Lernformen sind dringend nötig. Wenn man davon ausgeht, dass Lernen eine Grundhaltung ist, jeder Mensch lernen will und kann, wenn man ihn nicht darin behindert durch ungeeignete Lernzwänge und Lehrmethoden, zeichnet sich ein Weg hin zum autonomen Lernen deutlich ab. Das heisst nicht, wie oft kritisiert wird, dass Kinder auf sich alleine gestellt den ganzen Schulstoff nach Vorgabe selber erarbeiten müssen. Autonomes Lernen basiert auf dem Grundsatz, dass Menschen verschieden sind und deswegen auch auf verschiedenen Wegen und mit verschiedenen Mitteln und Massnahmen zum Ziel kommen. Auf diesen Wegen bedürfen sie der Begleitung, welche sie vom Lehrer dann, wenn sie sie brauchen, auf die Weise, wie sie sie brauchen, erhalten.

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[1] Die Begründung dieser Aussage würde den Artikel sprengen, insofern steht sie hier als Axiom.

Wir bilden unsere Kinder kaputt

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen, es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben. So wirklich toll ist nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können, oder der, welcher darüber entscheidet, welche Menschen die vollumfängliche Pflege haben dürfen aufgrund welcher Kriterien und Einkommensverhältnisse.

Wer also was sein will in dieser Welt, soll sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst, die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.