29. März

„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
erkennen; denn er mißt nach eignem Maß
sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
das Leben lehret jeden, was er sei.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Was die eigenen Muster und auch Macken angeht, sind wir oft betriebsblind. Wir laufen nach alt bewährtem und lange eingefahrenem Muster durchs Leben, stossen zwar immer wieder auf ähnliche Situationen, doch erkennen selten unseren eigenen Anteil. Weil wir es auch nicht wirklich wollen – wer gräbt schon gerne im eigenen Sumpf? Man könnte drin versinken.

Beziehungen halten uns da den Spiegel vor. Irgendwann können wir die Augen nicht mehr verschliessen, weil zu deutlich ist, was abläuft. Und: Es läuft nicht einfach ab, wir sind aktiv (?!) daran beteiligt. Nicht willentlich, aber doch agierend. Wenn wir hinschauen, wahrnehmen, in uns gehen und erkennen, was wir da tun, haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir das Steuer in die Hand nehmen und uns so verhalten, wie wir es wirklich wollen, nicht nur so, wie wir es seit Jahren gewohnt sind aufgrund vergangener Prägungen.

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Lass sie reden!

„The greatest fear in the world is oft he opinions of others. And the moment you are unafraid oft he crowd you are no longer a sheep. You become a lion. A great roar arises in your jeart. The roar of freedom.“ Osho*

„Was werden wohl die anderen sagen?“ Wie oft verzichten wir auf etwas, das wir gerne täten, weil wir das Gerede der anderen fürchten? Und wie sehr schränkt uns das in unserem Sein und Tun ein – damit in unserer authentischen Art, zu leben? Wieso setzen wir ihr Urteil so weit über unsere eigenen Wünsche?

So lange wir uns nach den Erwartungen der anderen richten und auf unsere Wünsche verzichten, weil wir das Gerede der anderen fürchten, so lange sind wir gefangen in einem Käfig, dessen Umfang andere bestimmen. Es liegt an uns, ob wir die Tür öffnen und in die Freiheit gehen.

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*Die grösste Angst in der Welt ist die vor den Meinungen der anderen. Sobald du dich nicht mehr vor der Herde fürchtest, bist du kein Schaf mehr. Dann wirst du zum Löwen. Ein grosses Gebrüll wird in deinem Herzen aufsteigen. Das Gebrüll der Freiheit.

 

27. März

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Oft reagieren wir auf Situationen reflexartig, ohne innezuhalten, ohne nachzudenken, einfach aus dem hohlen Bauch. Und nicht selten fragen wir uns später, wieso wir reagierten, wie wir es taten, da wir mit ein wenig Abstand bemerken, dass unsere Reaktion weder angemessen noch klug war. Was ist passiert?

Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Indem wir sie aus dem Bewusstsein verbannt haben, denken wir, sie losgeworden zu sein. Doch weit gefehlt. Sie toben sich fortan in unserem Unterbewussten aus und verleiten uns zu Reaktionen, die nicht aus der aktuellen Situation entstehen, sondern diesen unbewussten Kräften geschuldet sind.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, da sie dann noch viel mehr Leid und Schmerz mit sich bringen. Wir müssen uns ihnen stellen, wollen wir sie verarbeiten und frei davon sein.

26. März

„Auf welche Art wird man mittelmäßig? Dadurch, dass man heute das und morgen jenes so dreht und wendet, wie die Welt es haben will, dass man der Welt nur ja nicht widerspricht und nur der allgemeinen Meinung beipflichtet.“ (Vincent van Gogh)

Wer immer versucht, es anderen recht zu machen, vergisst, dass er dabei jemanden vergisst: Sich selber. Klar sollen wir nicht durchs Leben gehen und nur unsere Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, nur sie ganz zu vergessen, hilft keinem. Durch die ständige Selbstaufgabe wird in dir eine Unzufriedenheit wachsen, die du bei einer (meist unpassenden) Gelegenheit den anderen spüren lässt. Und dann leidet ihr beide. Und: Je mehr Menschen um uns sind, denen wir es recht machen wollen, desto schwieriger wird es. Ein altes Sprichwort sagt denn auch:

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Drum: Stehe für dich ein, nimm dich ernst, auch deine Bedürfnisse sind wichtig. Und: Alle Menschen haben Bedürfnisse und es ist wichtig, diese auch ernst zu nehmen. Bedürfnisse mögen sich in ihrer Wichtigkeit unterscheiden, nicht aber nach Menschen. Kein Mensch ist wichtiger als der andere, weswegen keines Menschen Bedürfnisse automatisch über denen anderer steht. Und schon gar nicht stehen die Bedürfnisse aller anderen über deinen.

 

25. März

„Wenn wir unser Leiden erst einmal mit unseren Verhaltensmustern in Verbindung gebracht haben, werden wir künftig weiser handeln.“ (Eknath Easwaran)

Es gibt wohl kein Leben, das nicht mit Schmerzen verbunden ist. Wünsche werden nicht erfüllt, Unfälle passieren, Beziehungen zerbrechen, Menschen werden krank, sterben – die Liste schmerzhafter Erfahrungen liesse sich endlos verlängern. Allerdings sind es nicht diese Dinge, die uns mehrheitlich leiden lassen, es ist unsere Haltung zu ihnen.

Indem wir krampfhaft versuchen, das zu erreichen und zu bewahren, was wir wollen, und das zu meiden oder loszuwerden, was wir nicht wollen, messen wir den Dingen einen Wert zu, den diese nicht haben. Die Dinge sind, wie sie sind und als solche sind sie unbeständig. Nichts, was ist, währt ewig. Wenn wir uns also an etwas klammern, provozieren wir durch diese Haltung unser Leiden selber, denn es liegt in der Natur der Sache, dass es uns irgendwann genommen wird. Und ja: Der Verlust eines lieben Menschen schmerzt trotz dieses Wissens, aber das Leid verdoppelt sich nicht durch unser Zutun.

Alles, was wir können, ist, die Dinge und Menschen zu schätzen, wenn sie da sind, uns an ihnen zu erfreuen, und sie dann loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Mit der Dankbarkeit im Herzen, dass sie da waren, und dem Wissen, dass etwas Neues entstehen wird.

Das Leben leben

„Schlussendlich zählen nur drei Dinge: Wie gut wir gelebt haben. Wie gut wir geliebt haben. Wir gut wir gelernt haben, loszulassen.“ (Jack Kornfield)

Was ist ein gutes Leben? Wann können wir auf unser Leben schauen und sagen: Ja, es ist gut, wie es ist? Was brauchen wir dazu? Geld?

Wenn wir unsere Tage anschauen, sind die oft mehrheitlich mit Dingen gefüllt, die dazu dienen, etwas zu erreichen. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, gehen ins Fitnessstudio, um abzunehmen, gehen shoppen, um mehr Kleider zu haben und besser auszusehen, kaufen ein neues Auto, um mit dem Nachbarn mithalten zu können. Dafür schieben wir anderes auf die Seite: Wir besuchen den alten Onkel nicht, den wir immer so liebten, weil schlicht die Zeit fehlt, wir geniessen nicht den Sonnentag, weil wir uns auf dem Stepper abstrampeln müssen, wir spielen nicht mit den Kindern, weil wir Überzeit machen, die gut bezahlt wird.

Und dann ist der Onkel tot, die Kinder sind gross, draussen ist Nebelwetter und den Job verlieren wir wegen Reorganisation. Und nun? Sitzen wir nun da und denken: Aber wenigstens haben wir ein neues Auto und eine Traumfigur? Nein, sehr wahrscheinlich wird in uns Bedauern laut. Wir merken, was wir verpasst haben und klagen uns an. Leider hilft das wenig, im Gegenteil: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Es gilt also, loszulassen, was war und nach vorne zu schauen. Wir haben einige Chancen verpasst, aber neue warten auf uns. Die sehen wir nur, wenn wir nicht an den verpassten hängen, sondern mit offenem Blick nach vorne schauen, mit dem Lehrstück aus der Vergangenheit im Hinterkopf. Und dann machen wir es besser. Wir haben jeden Tag die Chance, neu anzufangen. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit zu sagen:

Heute beginnt der Rest meines Lebens. Ich will leben und lieben. Und irgendwann lasse ich los im Wissen, dass ich gut gelebt und von Herzen geliebt habe.

24. März

„Beginne damit, dich selbst zu prüfen, und noch mehr, ende damit.“ (Bernhard von Clairvaux)

Wo Menschen aufeinander treffen bleiben Konflikte oft nicht aus. Wie schnell sind wir dann dabei, dem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben? Weil er so war, wie er war, kam es dazu. Weil er sagte, tat, was er tat, konnten wir nicht friedlich sein. So denken wir im Rückblick. Das spitzt sich bei Beziehungen noch zu: Gehen sie in Brüche, sieht man den Hauptfehler gerne beim anderen – wir selber hätten ja gewollt.

Nur: Stimmt das wirklich? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? Und mittellangfristig eigentlich schwerer? Wäre es nicht sinnvoller, in uns zu gehen und unseren Anteil an Streitereien und Konflikten zu suchen? Um in Zukunft besser aufzupassen und nicht immer wieder ähnliche Situationen zu provozieren?

Wir sind selten nur das Opfer, oft haben wir unseren Teil zu allem beigetragen – und sei es nur, dass wir in die Situation kamen und sie vielleicht zu lange geschehen liessen.