Erich Kästner: Sachliche Romanze

Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

_____

Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

23. März

„Glücklich ist also ein Leben in Übereinstimmung mit der eigenen Natur.“ Seneca

„Wenn ich nur ein wenig mehr wie mein Idol wäre, dann wäre ich glücklicher.“ Wer dachte nicht schon so ähnlich? Wer suchte sich nicht schon ein Vorbild und versuchte, diesem nachzueifern? Und ja, vielleicht gelingt es auch und wir leben unseren vermeintlichen Traum als Kopie unseres Idols. Nur haben wir so nicht nur kein Glück gefunden, wir haben etwas verloren: Uns selber. Und der Preis ist hoch, zu hoch.

Zudem, das Original ist nur so wertvoll, weil es eben ein Original ist und keine Kopie. Oscar Wilde sagte einst:

„Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon.“

Statt also eine schlechte Kopie eines anderen zu sein, könnten wir daran glauben, dass wir selber ein wertvolles Original sind. Und so leben, wie es uns entspricht. Dann stellt sich auch das Glück ein.

22. März

„Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man es gerne gewesen wäre.“ (George Eliot)

Wenn ich am Ende meines Lebens zurückschaue: Was für ein Mensch möchte ich gewesen sein? Wie müsste ich gewesen sein, dass ich dann sagen kann: Ich war ein guter Mensch und ich habe ein gutes Leben geführt?

Wir müssen nicht so lange warten damit, der Mensch zu sein, der wir sein wollen. Wir müssen auch nicht so lange warten, um zu sehen, wie wir gerne gelebt hätten. Wir können heute aufwachen aus unserem eingefahrenen Lebenstramp und uns fragen: Lebe ich das Leben, das ich leben möchte? Ist es ein gutes Leben, eines, das mir und meinen Werten entspricht? Bin ich der Mensch, der ich gerne sein möchte? Was könnte ich tun, um noch mehr dieser Mensch zu sein? Und dann liegt es in unserer Verantwortung, das zu leben und zu sein.

Und irgendwann stehen wir dann am Ende unseres Lebens und können zufrieden sagen:

Das war MEIN Leben und es war ein gutes.

Umgang mit Leid

(Buddhismus to go: Die vier edlen Wahrheiten)

Geht man nach dem Buddhismus, so bringt das Leben vor allem eines: Leiden. Das mag auf den ersten Blick gar pessimistisch und negativ klingen, ist aber gar nicht so gemeint. Und vor allem: Es gibt eine Lösung, wie mit diesem Leiden umzugehen:

Die vier edlen Wahrheiten
1. Leiden existiert
2. Leiden hat eine Ursache
3. Es gibt ein Ende des Leids
4. Es gibt einen Weg, das Leid zu beenden

Quasi ein Vier-Stufen-Weg hin zum leidfreien Zustand. Das klingt natürlich nun gar einfach und das ist es auch – und wieder nicht. Denn: Einen Weg muss man immer gehen. Und um ihn zu gehen, braucht es einen Rucksack mit dem richtigen Proviant. Hier ist es der achtfache Pfad. Er ist Weg und Proviant in einem. Er beinhaltet all die Zutaten, die wir brauchen, um uns vom Leid zu befreien.

Aber der Reihe nach:

Der erste Schritt ist, das Leid zu benennen und als solches zu akzeptieren. Es ist wie es ist: Wir leiden. Das können wir nun nicht sofort ändern. Indem wir das Leid als solches annehmen, verhindern wir aber, dass noch mehr Leid entsteht. Wir versinken nicht in Selbstmitleid (sehr leidvoll), hadern und schimpfen nicht auf das Schicksal (auch nicht wirklich erbaulich) und beschuldigen auch nicht unsere gesamte Umwelt, verantwortlich für unser Leid zu sein (Unsinn und bringt nichts). Wir sehen, dass da dieses Leid ist, wir schauen es genauer an. Und wir wissen:

Das Leid hat eine Ursache. Das ist der zweite Schritt. Martin Heidegger sagte einst den Satz vom Grund: Nichts ist ohne Grund. So auch unser Leiden nicht. Ohne die Ursache zu kennen, wird es schwer, das Leid zu beseitigen. Irgendetwas hat uns an diesen Punkt geführt, an dem wir heute sind. Das gilt es herauszufinden. Dann sind wir auf dem besten Weg, dann können wir hoffen und auch wissen:

Es gibt ein Ende des Leidens. Schritt Nummer drei. Was würde es bedeuten, frei von diesem Leid zu sein? Was müsste weg, wie wäre das Leben ohne dieses Leid? Man könnte die vier edlen Wahrheiten mit der Arbeit eines Arztes vergleichen. Maitreya hat das im Uttaratantra getan:

Genauso wie eine Krankheit diagnostiziert werden muss,
die Ursache beseitigt werden muss,
die Gesundheit wiederhergestellt werden muss,
und die Medizin eingenommen werden muss,
genauso müssen Leid, Ursachen des Leids,
die Beendigung des Leids und der Weg erkannt,
beseitigt, erlangt und befolgt werden.

Wir kommen also zu Schritt vier:

Es gibt einen Weg dahin. Und: Wir können ihn gehen. Es ist der edle achtfache Pfad, der sich zusammensetzt aus:

1. Rechter Ansicht: Die Erkenntnis, was wirklich ist, frei von Unwissen, Illusionen, Vorstellungen
2. Rechte Absicht: Den richtigen Motiven folgen
3. Rechte Rede: Angemessen und wahrhaftig sprechen
4. Rechts Handeln: Das Richtige tun, ethischen Grundsätzen und Werten folgend
5. Rechter Lebenserwerb: Nichts tun, das anderen schadet
6. Rechte Anstrengung: Sich auch wirklich ins Zeug legen, ohne sich zu überfordern (das richtige Mass wahren)
7. Rechte Achtsamkeit: Präsent sein im Hier und Jetzt, die Dinge bewusst tun
8. Rechte Konzentration: Sich auf das konzentrieren, was man tut

Das Leben wird uns sicher immer wieder Knüppel zwischen die Beine werfen, Leid lässt sich nicht vermeiden und wir haben die Vermeidung ganz oft auch nicht in der Hand. Was wir aber in der Hand haben, ist, wie wir darauf reagieren. Wir können uns so verhalten, dass wir nicht noch mehr Leid für uns und andere schaffen durch unangemessenes Verhalten. Dabei hilft uns dieser achtfache Pfad. Dafür müssen wir nicht mal Buddhisten sein, denn es sind Ratschläge, die sich in vielen Philosophien dieser Welt in einer ähnlichen Form finden. Es sind lebenspraktische Anweisungen, das Leben als ein gutes Leben zu leben.

 

Dem eigenen Glück auf die Sprünge helfen

Schon Aristoteles sagte, dass Glückseligkeit das höchste Gut des Menschen sei. In seiner Nikomaschischen Ethik versucht er aufzuzeigen, wie man ein guter Mensch ist und ein glückliches Leben führt. Leben heisst nach Aristoteles immer auch handeln. Indem wir handeln, leben wir. Und wir handeln, um etwas zu erreichen, ein Gut – und da wären wir wieder am Anfangspunkt:

Das Höchste all dieser Güter ist die Glückseligkeit.

Allem Handeln um unterschiediche Güter liegt immer etwas zugrunde:

Wir wollen glücklich sein.

Nur: Was ist Glück? Bücher darüber gibt es viele, Ratgeber, wie wir es erreichen, ebenso. Noch scheint keines wirklich der Erfolgsgarant zu sein, denn es entstehen immer neue. Vermutlich liegt ein Grund dafür, dass es mit dem Lesen der Bücher nicht getan ist, man auch gewisse Einsichten anwenden müsste – eben handeln. Und das anders, als man es bislang tat, denn offensichtlich erreichta man auf die althergebrachte Weise das Glück nicht. Und hier wird es ungemütlich. Wir lebten schon eine Weile so, verhielten uns auf eine gewohnte Weise – irgendwie war das unser Ich, wie wir es kannten. Nur:

If you do what you did, you’ll get what you got.

Sprich: Es ändert sich nichts und das Glück – sofern du nicht schon jetzt glückselig lächelnd da sitzt und dies liest– wird nicht einfach an die Tür klopfen und sich häuslich niederlassen.

tatsächlich tun wir jeden Tag ganz viel, in der Hoffnung, glücklich zu werden. Wir erfüllen uns Wünsche, wir strengen uns an, um anderen zu gefallen, Ziele zu erreichen. Wir gönnen uns was – Schokolade, Urlaub, ein neues Auto. Und doch: Nichts will so wirklich wirken. Und wenn etwas nicht klappt, sind wir nicht nur nicht glücklich, dann leiden wir. Und noch schlimmer: Wir tun tagtäglich Dinge, die uns nicht gut tun, die uns mehr schaden als nützen – und doch tun wir sie immer wieder. Würden wir nur diese Dinge loslassen, wären wir dem eigenen Glück schon ein ganzes Stück näher.

10 Dinge, die wir loslassen können, um dem Glück ein bisschen näher zu kommen:

  1. Vergleiche

Wie oft schauen wir, was andere haben oder nicht haben, und sind dann mit uns selber nicht mehr zufrieden? Warten wir eben noch zufrieden, sehen wir bei jemand anderem mehr… Neid macht sich bemerkbar, zumindest aber Unzufriedenheit mit dem, was wir haben. Das muss nicht sein. Der andere ist ein anderer, ich bin ich. Das zu geniessen und sich daran zu freuen, was man hat, ist ein ganz grosser Schritt hin zum eigenen Glück.

  1. Es allen recht machen wollen

Wie oft nehmen wir uns zurück, um es anderen recht zu machen? Nicht selten danken es diese uns kaum, im Gegenteil, sie merken es unter Umständen gar nicht. Und wir sitzen dann da und grummeln innerlich – darüber, dass unsere Bedürfnisse auf der Strecke blieben, und darüber, dass nicht einmal Dankbarkeit dafür geäussert wurde. Es geht nicht darum, keinem mehr einen Gefallen zu machen, aber es tut weder einem selber noch der Beziehung gut, wenn einer sich immer zurücknimmt – und oft dann den anderen seinen Frust darüber merken lässt.

  1. „Das kann ich nicht!“

Wie oft stehen wir vor einer Aufgabe und sagen uns als erstes: Das kann ich nicht. Wie viel verpassen wir, weil wir es nicht mal probieren? Wie viel entgeht uns, weil wir uns zu wenig zutrauen?

  1. „Was denken wohl die anderen?“

Auch hier steht uns die Angst, das Gesicht zu verlieren, im Wege. Der Gedanke, andere können uns auslachen, etwas schlechtes von uns denken oder uns nicht mögen, lässt uns oft erstarren. Wir meiden Dinge, die uns eigentlich Freude machen würden, nur um ein Bild zu wahren.

  1. Sich zu ernst nehmen

Wenn mal etwas in die Hose geht, geht die Welt nicht unter. Einfach mal über die eigenen Fehler lachen, die eigenen Unsicherheiten zugeben, fünf gerade sein lassen. Das Leben ist nicht nur ernst und wenn man es mit Humor und ein bisschen Nachsicht (mit sich selber) nimmt, geht vieles leichter von der Hand.

  1. Alles persönlich nehmen

Nicht alles, was passiert, hat wirklich mit einem selber zu tun. Wenn jemand einen grimmig anschaut, muss das nicht heissen, dass wir etwas falsch gemacht haben (vor allem dann, wenn er uns gar nicht kennt und nichts vorgefallen ist). Vielleicht hat er einfach einen schlechten Tag? Viele Reaktionen anderer sagen zu einem grossen Teil mehr darüber aus, was in den anderen Menschen vorgeht, als es mit uns zu tun hat.

  1. Sich aufopfern

Oft schauen wir, dass es allen gut geht, vergessen uns selber dabei selber. Wieso messen wir uns selber so wenig Wert zu?

  1. Geliebt werden wollen um jeden Preis

Was tun wir alles, um geliebt zu werden? Wir passen uns an, interessieren uns für Dinge, die uns vorher egal waren, versuchen so zu sein, wie wir denken, dass der andere uns haben will, nur weil wir denken, dass er uns so, wie wir sind, nicht lieben kann. Wen aber liebt er, wenn wir gar nicht mehr sind, wer wir wirklich sind? Und was passiert mit unserem wahren Sein? Halten wir das Versteckspiel ewig durch oder platzt irgendwann die Bombe? Ist es das wirklich wert? Liebe sollte nie aufgrund irgendwelcher Anpassungen und äusserer Merkmale erarbeitet werden müssen. Wirkliche Liebe geht tiefer.

  1. Wenn ich nur erst….

Oft denken wir, glücklich zu sein, wenn wir nur erst etwas erreicht haben. Mehr Geld, weniger Kilos, einen neuen Job, einen neuen Mann. Wir definieren unser heutiges Leben und damit unser heutiges Unglück damit, dass wir noch nicht haben, was wir dringend brauchen, und streben dann händeringend und mit Scheuklappen für anderes danach, dieses zu erreichen. Die Ernüchterung kommt meist dann, wenn das eine erreicht ist, das Glück (nach vielleicht kurzem Aufflackern) aber nicht von Dauer ist, weil wieder etwas fehlt. Glück hängt nicht am Erreichen von Dingen, sondern ist eine innere Einstellung zu dem, was ist.

  1. Ich bin nicht gut genug

Für wen oder was? Und wieso? Jeder Mensch ist gut genug. Das heisst nicht, dass man keine Ziele mehr haben darf oder an sich arbeiten soll, im Gegenteil, aber: Das, was heute ist, ist für heute gut genug. Gäbe es das heutige Ich nicht, hätten wir gar keine Basis. Was heute ist, ist alles, was wir haben, und dafür sollten wir dankbar sein.

 

Begleiten statt helfen

„Die Lage eines Menschen ändern, bessern wollen, heißt, ihm für Schwierigkeiten, in denen er geübt und erfahren ist, andere Schwierigkeiten anbieten, die ihn vielleicht noch ratloser finden.“
(Rainer Maria Rilke)

Das Leben ist nicht immer leicht, oft leiden wir. Ab und an denken auch andere, so wie unser Leben laufe, könne es nicht gut und richtig sein. Und sie wollen helfen. Sie wollen uns helfen, unser Leben zu ändern.

Dabei gehen einige Dinge vergessen:

  • Was wir im Leben anderer Menschen nicht gut finden, ist für uns nicht gut, für sie nicht zwingend
  • Was wir am Leben anderer Menschen ändern, müssen die dann leben, wir leben weiter unser Leben
  • Nur weil es schwer ist, heisst es nicht, dass es geändert werden muss – schon gar nicht von aussen

Wenn also ein Mensch sein Leben als schwer empfindet, braucht er keinen, der kommt und die Führung übernimmt aus einem inneren Empfinden, er wisse, wie es gehe. Menschen haben Wege und sie sollen sie selber gehen. Ab und an stehen sie dabei vielleicht an, haben Fragen, finden keine Antworten. Dann kann es helfen, ins Gespräch zu kommen, neue Perspektiven zu diskutieren, Möglichkeiten auf den Tisch zu bringen, die im Dialog entstehen. Unter all diesen findet sich vielleicht eine, die passt – für den individuellen Weg eines Menschen, von tief innen heraus, nicht von aussen übergestülpt, als Therapie-Resultat verordnet.

Nur weil Dinge mal schwer sind, ist der Mensch nicht per se krank. Er muss nicht an die Hand genommen und geführt werden, sondern soll und darf seine Autonomie behalten. Was er brauchen kann, sind neue Sichtweisen, ist eine Begleitung, ein Austausch auf Augenhöhe.

Rilke sagte in einem Gedicht:

„Du musst dein Leben ändern.“*

Das kann man immer nur selbst. Und immer nur auf eigenen Wegen, Wegen, die für einen selber passen. Man kann begleitet werden, sich über den richtigen Weg auszutauschen, um über den Dialog neue Erkenntnisse zu gewinnen, ist sogar wichtig, aber: Gehen muss man den Weg selber.

______

* Archäischer Torso Apollos, Gedicht von Rainer Maria Rilke, geschrieben 1908 in Paris