Erich Kästner: Exemplarische Herbstnacht

(Erich Kästner 1899 – 1974)

Nachts sind die Straßen so leer.
Nur ganz mitunter
markiert ein Auto Verkehr.

Ein Rudel bunter,

raschelnder Blätter jagt hinterher.

Die Blätter jagen und hetzen.
Und doch weht kein Wind.
Sie rascheln wie Fetzen und hetzen
und folgen geheimen Gesetzen,
obwohl sie gestorben sind.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Lampen brennen nicht mehr.
Man geht und möchte nicht stören.
Man könnte das Gras wachsen hören,
wenn Gras auf den Straßen wär.

Der Himmel ist kalt und weit.
Auf der Milchstraße hat’s geschneit.
Man hört seine Schritte wandern,
als wären es Schritte von andern,
und geht mit sich selbst zu zweit.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Menschen legten sich nieder.
Nun schlafen sie, treu und bieder.
Und morgen fallen sie wieder
übereinander her.“

(aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke)

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Beschreibt Kästner hier nur eine Herbstnacht, das Treiben der losen Blätter aufgewirbelt durch ein einsam durchfahrendes Auto? Oder packte der Dichter in diese herbstlichen Bilder seine Kritik am Naziregime, indem die bunten Blätter die Mitläufer des durchmarschierenden Hitlers sind? Immerhin jagen sie und hetzten, folgen geheimen Gesetzen, dunkel ist es, kalt, man geht mit fremden Schritten, weil man nicht denkt, sondern blind folgt, treu und bieder und immer bereit, andere an den Pranger zu stellen, um selber gut dazustehen.

Vielleicht ist es aber doch nur ein einfaches Herbstgedicht, nur dass es auch als solches noch genug von Kästners schonungslosen und ironischen Blick auf die Welt und die Menschen in sich trägt: Der übervorsichtige Mensch, der durch die stillen Strassen läuft, Probleme hört, die gar nicht da sind. Der Mensch mit den verschiedensten und sich widersprechenden Ansprüchen und Idealen in sich. Der Mensch als biederer Geselle, der nichts besseres zu tun hat, als sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Der Herbst als Zeit des Vergehens, des Sterbens, die Zeit kurz vor dem Niedergang, dem Tod.

Vielleicht steckt ja doch mehr drin als eine blosse Herbstnacht.

Henrik Ibsen: Ein Vers

Leben heißt – dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.
Dichten – Gerichtstag halten
Über sein eignes Ich.

Ibsen schrieb dieses Gedicht 1871, diese Übersetzung stammt von Christian Morgenstern. Henrik Ibsen, Dramatiker und Lyriker, schreibt in seinen Werken immer gegen die Moral der Zeit an. Mit klarem Blick sieht er auf die Lebenslügen seiner Zeitgenossen, zeigt auch, dass diese ihre Lügen gar nicht durchschauen wollen, sondern es sich gemütlich in ihnen einrichten. Man denke nur an Die Wildente, wo Gregers Werle durch das Aufdecken der Lebenslügen seines alten Freundes nicht nur dessen Leben, sondern auch das von dessen Frau zerstört. Die Menschen, so die Moral der Geschichte, sind der Wahrheit nicht gewachsen, darum verschliessen sie lieber den Blick vor ihr.

Das vorliegende Gedicht ist kurz – und trotzdem steckt eine grosse Botschaft drin. Ibsen will uns erklären, worin „Leben“ überhaupt besteht, was es heisst, wirklich zu leben – in seinem Sinne eines lebenswerten Lebens. Vier Verse nur, alle dreihebig und im Kreuzreim. Durch die beiden Enjambements verlängern sich die Verse und werden quasi zu zweien. Was also heisst Leben?

Man soll in sich den Spuk der dunklen Gewalten bekämpfen. Ruhmessuch, Machtwillen, Begehren, Hass – all das sind die dunklen Gewalten, die in uns herrschen, die uns und unsere Mitmenschen ins Unglück stürzen. Ibsen sieht in der Dichtung die Lösung, da man beim Dichten Gerichtstag hält über sein Ich. Man schaut hin und urteilt. Und – wenn das Urteil negativ ausfällt, bietet es sich an, etwas zu ändern. Dann hat man die dunklen Gewalten entlarvt und soll sie bekämpfen.

Ibsen sagt selber:

„Alles, was ich gedichtet habe, hängt aufs engste zusammen mit dem, was ich durchlebt habe.“

Damit offenbart er sich als den Richter über sein Leben, der beim Schreiben immer auch mit sich selber ins Gericht geht, nicht nur mit der Gesellschaft um sich. Indem man Gerichtstag hält, nimmt man die Verantwortung für das eigene Leben wahr. Man schaut hin, erkennt die Abgründe und überwindet sie. Man befreit die Seele vom Spuk der dunklen Gewalten. Der Leser von seinen Gedichten und Dramen kann das Wahrgenommene durch ihn erkennen. So kann die Dichtung auch denen helfen, Herr über den Spuk der dunklen Gewalten zu werden, die nicht selber dichten, sich aber damit auseinandersetzen und dann in sich gehen.