Wer bin ich? Schreibend zu mehr Selbsterkenntnis

Tagtäglich erzählen wir uns unsere Geschichte und bauen darauf unsere Identität auf. Wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass das, was wir uns erzählen, keinesfalls die ganze Wahrheit ist, sondern es sich dabei um Ausschnitte handeln, die wir teilweise sogar unbewusst auswählen.

Schreibend kommen wir unseren Geschichten auf die Schliche, können sie durchleuchten und uns so besser kennenlernen. Vor allem in schwierigen Zeiten kann das hilfreich sein, weil man durch das bewusste Ausloten erkennt, dass man die eigene Geschichte auch anders erzählen könnte – und daraus fürs Hier und Jetzt neue Kraft gewinnen durch die neue Perspektive.

Termine:
Kurs 1: 8., 15., 22. April 10 – 11.30
Kurs 2: 27.Mai, 3., 10. Juni 18 – 19.30

Ort:
St. Gallen, Nähe Bahnhof

Anmeldung: HIER

Die Kraft des Schreibens (Journaling)

Das irgendwann als langweilig empfundene Tagebuchschreiben ist dem heute modernen Journaling gewichen. Was geblieben ist, ist der positive Effekt, den das Schreiben für das eigene Leben haben kann.

Ich habe eine Zeit lang das gemacht, was man expressives Schreiben nennt: ich schrieb ohne gross nachzudenken, ohne den Stift je abzusetzen, drauf los und war immer selber überrascht, was dabei rauskam. Diese Art des Schreibens hat mir viel gezeigt, das mir nicht wirklich bewusst war, das aber doch in der Tiefe verborgen lag. Heute bin ich dazu übergegangen, gezielter vorzugehen:

Ich schreibe strukturierter, nutze spezifische Fragen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich versuche, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, Situationen zu analysieren. Schreiben hilft mir, mir selber auf den Grund zu gehen, meine Muster und Verhaltensweisen besser verstehen zu lernen und gegebenenfalls neue Wege zu finden, in ähnlichen Situationen anders zu reagieren.

Eine Übung, die ich seit einiger Zeit regelmässig mache, sind die Gedanken zum Tagesabschluss. Vor allem das Nachdenken  darüber, wofür ich an diesem Tag dankbar bin, hat mir über die Zeit hinweg geholfen, allgemein eine positivere Sicht aufs Leben zu entwickeln. Es gibt an jedem Tag viel, wofür wir dankbar sein können – wir müssen es nur sehen.

Legen wir los:
Was braucht es zum Journaling? Eigentlich nichts ausser einem Stift, einem Notizbuch und etwas Zeit. Ich mach es mir gerne mit einer Tasse Tee gemütlich, zünde eine Kerze an, um mich mit diesem Ritual aufs Schreiben einzustimmen. Was ich auch mag, sind schöne Notizbücher, da dann der Anreiz, es in die Hand zu nehmen, noch grösser wird. Und schon kann es losgehen.

Im folgenden stelle ich drei unterschiedliche Möglichkeiten fürs Journaling vor:

Start in den Tag
Stelle den Wecker 10 Minuten früher und mach es dir mit deinem Journal bequem. Wenn noch etwas aus der Nacht nachhängt, schreib es auf, dann starte mit den Tagesgedanken:

  • Was erwartest du vom heutigen Tag?
  • Was wünschst du dir für den heutigen Tag?
  • Was kannst du tun, dass es für dich ein guter Tag wird?

Ausklang des Tages
Mache es dir mit deinem Journal bequem und lasse den Tag Revue passieren:

  • Was ist dir heute gut gelungen?
  • Was ist dir heute nicht gut gelungen?
    • Was ist passiert?
    • Wie kam es dazu?
    • Wie hast du dich dabei gefühlt?
    • Was könntest du tun, dass das so nicht nochmals passiert?
    • Wie kannst du dir verzeihen?
  • Für welche drei Dinge bist du heute dankbar?

Fragen ans Leben
Es gibt immer wieder Zeiten, in denen das Leben nicht rund läuft. Gerade in Krisen kann ein Journal eine gute Stütze sein, weil man sich beim Schreiben intensiver mit allem auseinander setzt. Das kann auf den ersten Blick auch Angst machen, da man gerade die negativen Gefühle eher meiden will, statt noch drin rumzustochern. Nur: Negative Gefühle gehen nicht einfach weg. Wenn du dich ihnen nicht stellst, werden sie um Unterbewussten ihr Unwesen treiben und dir das Leben schwer machen.

Fragen bei einer Lebenskrise

  • Was belastet mich?
  • Wie kam es zu dieser Krise? Was war der Auslöser?
  • Was genau ist schwer für mich dabei?
  • Welche Gefühle habe ich?
  • Wie spüre ich sie im Körper?
  • Was ist mein Anteil an der Krise?
  • Kann ich aus dieser Krise etwas lernen?
  • Was könnte mir nun in der Situation helfen?
  • Schaffe ich das alleine oder kann mir jemand helfen?

Fragen bei Auseinandersetzungen

  • Was ist passiert?
  • Wie kam es dazu?
  • Wie fühlte ich mich in der Auseinandersetzung?
  • Wo spürte ich die Gefühle im Körper?
  • Wie fühle ich mich jetzt nach der Auseinandersetzung?
  • Was war mein Anteil an der Auseinandersetzung?
  • Was genau traf bei mir einen wunden Punkt?
  • Woher habe ich diesen wunden Punkt?
  • Hätte ich besser reagieren können?
  • Kann ich mir und dem anderen verzeihen? Was brauche ich dazu?
  • Was hilft mir jetzt, um mich besser zu fühlen?

Durch diese Fragen ist nicht automatisch alles wieder gut, auch sind nicht alle negativen Gefühle einfach weg. Das Schreiben kann aber helfen, sich der eigenen Gefühle bewusster zu werden und zu lernen, besser damit umzugehen. Es kann dabei helfen, Gefühle anzunehmen, statt sie nur zu verdrängen. Nur angenommene Gefühle kann man verarbeiten und gestärkt weiter gehen.

Projektion

„Wir machen ihn (den anderen Menschen, S.M.) zum Aufhänger für die vielen Kleider, die wir selber nicht tragen wollen.“[1]

Nichts kritisiert man so leicht wie die Fehler der Anderen. Wir sehen sie und sind schnell mit unserem Urteil dabei. Teilweise denken wir dieses nur für uns, teilweise teilen wir es dem anderen gleich mit. In beiden Fällen aber steckt etwas drin: Ich setze den Massstab und du entsprichst diesem nicht.

Es steckt aber noch mehr drin: Oft sind die Dinge, die uns an anderen stören, die, welche sich auch in uns finden – oft als dunkle Flecke, die wir tunlichst übersehen. Zwar sind sie da, machen uns wohl mitunter das Leben schwer, weil sie sich durchaus nach aussen äussern, für uns aber oft nicht sichtbar und damit nicht veränderbar sind.

Beziehungen zu anderen Menschen können uns helfen, unsere blinden Flecke aufzudecken. Wenn wir hinsehen, was uns an anderen stört, können wir in uns gehen und uns fragen wieso. Was ist es, das uns aufregt? Was in uns rebelliert gegen die Art, die uns stört? Was wir tun und wie wir reagieren, was auf uns wirkt und wie es auf uns wirkt, hat immer mehr mit uns selber zu tun als mit anderen. Dadurch, dass wir sind, wie wir sind, sehen wir die Welt durch unsere eigenen Augen und prägen sie dadurch auch. Es ist unsere Haltung und Einstellung, die unsere Welt interpretiert. Am Anfang steht also eine grosse Forderung:

Erkenne dich selbst!

Wenn wir das mal erkannt haben, bietet sich auch die Möglichkeit, an denen eigenen Haltungen und Einstellungen zu arbeiten. Es bietet sich die Möglichkeit, objektiver sehen zu lernen, indem wir unseren eigenen Anteil an der Sicht erkennen und vielleicht auch aussen vor lassen können. Dann haben wir die Chance, die Dinge eher so zu sehen, wie sie sind, als so, wie wir sie durch unsere (unbewussten) Prägungen hindurch sehen. Und: Nicht nur die Dinge sehen wir dann so, auch andere Menschen. Erich Fromm sagte dazu mal:

„Einen anderen Menschen kreativ sehen, heißt ihn objektiv, ohne Projektionen und ohne Entstellungen sehen, und das bedeutet, dass man in sich selbst jene neurotischen „Laster“ überwindet, die unausweichlich zu Projektionen und Entstellungen führen. Es bedeutet, zur Wahrnehmung der inneren und äußeren Wirklichkeit voll zu erwachen. Nur wer jene innere Reife erreicht, wer seine Projektionen und Entstellungen auf ein Minimum reduzieren kann, wird kreativ leben.“[2]

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[1] Erich Fromm, Der kreative Mensch
[2] Erich Fromm, Der kreative Mensch

Im Ring: Das Ego gegen das Selbst

Wer bist du?

Stellt uns jemand diese Frage, kommen die Antworten meist spontan: Ich bin Sandra, bin Mutter, Frau von dem und arbeite das. Die meisten von uns würden wohl staunen, käme dann die Nachfrage:

Und wer bist nun du?

Wir würden denken, das gerade erzählt zu haben. Nur: Wir kratzten an der Oberfläche. Wir zählten unsere verschiedenen Rollen auf, trafen aber nicht den Kern. Was wir beschrieben, war unser Ego, der Teil von uns, der immer „hier“ schreit, wenn es darum geht, zu definieren, welche Rollen wir in der Gesellschaft spielen, was uns gehört, wodurch wir uns nach aussen definieren. Das tief drin ist damit noch nicht mal ansatzweise genannt – meist kennen wir es gar nicht.

In der östlichen Philosophie unterscheidet man zwischen dem Ego und dem Selbst. Das Ego ist all das, was oben genannt wurde, es ist das, was wünscht und sehnt, das ablehnt und vermeidet. Es ist das, was uns an- und umtreibt, etwas zu tun, Ziele zu erreichen. Es plustert sich auf, identifiziert sich mit allem, was vor sich geht, es heftet sich an alles, was es hat, haben will oder zu sein glaubt. Worte die gesprochen werden, Situationen, Vorkommnisse, alles sieht das Ego auf sich bezogen, es ist quasi der Nabel der Welt, um den sich diese dreht.

Was all diesen Dingen gemein ist: Sie sind endlich. Und wenn sie aufhören, zu sein, stürzt unser Ego ein. Die Rolle ist weg – was bleibt? So vom selbst definierten Ich? Wenn der Job weg ist, die Frau, das Kind ausgezogen? Und wenn dann jemand fragt:

Wer bist du?

Was sagen wir dann noch? Wir sind noch – aber was und wer? Im Kern sind wir noch immer der, der wir auch vorher waren. Allein: Wir sahen ihn dann nicht und jetzt erst recht nicht. Zu schwer drückt der Verlust all dessen, was uns in unseren Augen ausmachte. Doch – und das ist die gute Nachricht: Da ist viel mehr. Da ist das, was wir das „Selbst“ nennen können. Das, was uns ausmacht tief drin, der Kern.

Das Selbst liegt tief in uns und ist immer da. Es war vor uns da, bleibt unberührt von allem, was passiert, bleibt, wenn wir gehen. Es ist nicht fassbar, nicht sichtbar, liegt meist im Unbewussten, unverändert trotz allen Veränderungen in, mit und um uns. Es ist der Grundpfeiler unserer Identität.

Oft wird die östliche Philosophie verkürzt interpretiert und es heisst, man solle das Ego loslassen, sich selbst erkennen, zu sich selbst finden durch die Aufgabe des Egos. Nun ist das Ego offensichtlich eine Illusion, die sich aus vergänglichen Situationen speist und daraus ein Gerüst baut, das wir als unsere Identität sehen. Insofern könnte man annehmen, dass es sinnvoll wäre, es einfach loszulassen und zurück zu den Wurzeln zu kehren. Nur: Es wäre verheerend.

Das Ego ist unser Tor zur Welt. Es ist das, was wir in der Gemeinschaft sind. Und das ist gut und wichtig. Es ist vor allem auch sinnvoll. Wir können uns nicht von unserer Mutterrolle lossagen – was geschähe mit unseren Kindern? Wenn wir uns von unserer Rolle als Berufstätige lossagten: Wie würden wir finanziell überleben? Wenn wir unsere Rolle als Freundin oder Geliebte aufgäben: Wäre es uns in der Einsamkeit wirklich wohl?

Die Rollen gehören zu uns, sie sind unser Ausdruck in der Welt. Aber – und das ist der springende Punkt: Sie machen uns nicht aus im Kern. Wenn eine wegfällt, sind wir immer noch heil. Tief drin. Wir brauchen einfach eine neue Rolle. Und die können wir finden. Sie lässt sich leichter finden, wenn wir dran glauben und wissen:

Ich bin gut. So wie ich bin. Als ich. Ich bin immer noch ganz und heil.

Um dahin zu kommen, ist eines ganz wichtig:

Erkenne dich selbst.

Diesen Satz sagten schon die alten Griechen. Und nicht nur sie, denn: Von Ost nach West, zu allen Zeiten: Der Mensch sucht sich selber. Und alle schreiben darüber, was das Selbst denn wirklich sei. Buddhismus, Sufismus, vedische Texte, Heidegger, Kierkegaard, Ricoeur, Jung – überall finden sich Definitionen (oder Versuche einer solchen) davon. Was ist es denn nun?

Das Selbst ist unser Wesenskern, tief in uns drin ist er da und liegt allem zugrunde. Um wirken zu können in der Welt, brauchen wir aber etwas, das nach aussen dringt, das in den Kontakt mit der Welt treten kann: Unser Ego. Es ist quasi der verlängerte Arm des Selbst, sein Sprachrohr. Ab und an scheint es zu machen, was es grad lustig ist, vor allem dann, wenn es den Kontakt zum Selbst verloren hat und sich in den illusorischen Interpretationen und Identifikationen verliert. Doch es gibt immer wieder Momente, wo von tief drin das Selbst durchscheint, das Ego zum Schweigen kommt und wir einen Blick auf das werfen können, was uns wirklich ausmacht. Meist passiert das in Situationen, in welchen wir uns hingeben, mit ganzem Herzen an etwas sind, quasi selbstvergessen. Wir wollen nichts mehr sein, nichts mehr beweisen, nichts erreichen, wir sind. Meist kreativ, im Fluss.

Und wenn wir dann hinschauen. Und erkennen, was gerade passiert, realisieren wir, was wir sind – und was nicht. Wir fühlen, wie es ist, ganz ich zu sein. Von tief drin. Wir müssen das Ego nicht loswerden. Es gehört zu uns, es ist wichtig und hat seinen Zweck. Aber tief drin sind wir mehr. Das Bewusstsein dafür ist wichtig. Denn es hilft uns, bei uns selber zu bleiben. Unseren Wert zu erkennen und ihn uns zu geben – egal, was mit den Rollen passiert. Er hilft uns, authentisch zu sein und zu bleiben, Leid durch falsche Identifikationen und damit einhergehende Enttäuschungen zu vermeiden.

Was also wirklich zählt, ist nicht ein krampfhaftes Streben nach dem Einen und ein Verdammen des Anderen. Es ist die Unterscheidung, was Ego und was Selbst ist sowie die Erkenntnis, welchen Stellenwert diese beiden haben. Es ist wichtig, zu erkennen, wer wir wirklich selbst sind und entsprechend zu handeln – als Ego. Ohne Ego wären wir in der Welt nicht lebensfähig, aber: Was wir nicht brauchen, ist dieses kleine trotzende Ich, das überall im Mittelpunkt stehen will, alles an sich reisst und einfach mal auf alles aufgrund von Mustern und Prägungen reagiert. Lassen wir es sein, was es ist: Das Sprachrohr unserer Natur, das authentisch nach aussen meldet, was tief drin vorgeht. Und so bleibt:

Erkenne dich selbst.

Und handle danach.

Der Wunsch, geliebt zu werden

Wir alle wollen geliebt werden. Und oft wurde uns vermittelt, dass wir etwas zu leisten hätten, auf eine gewisse Art zu sein hätten, damit man uns liebt. Und so versuchen wir dann, so zu sein, wie wir sein sollen. Manchmal sind wir dann ziemlich weit von dem entfernt, wer wir selber sind oder wären, wir hoffen aber, dadurch liebenswerter zu werden – weil wir ja die Vorgaben erfüllen. Nur: Sehr oft gelingt das nicht, denn solche Scheinidentitäten wirken so, wie sie sind: Aufgesetzt, nicht authentisch.

Bei Lichte betrachtet, ist es auch nicht wirklich liebenswert, aus purem Opportunismus etwas vorzuspielen, was gar nicht stimmt. Das ist in dem Falle aber oft egal, denn: Der Zweck heiligt die Mittel. So belassen es manche dabei und fahren vordergründig gut. Zwar werden sie nicht wirklich geliebt, aber sie haben Erfolg. Das deckt eine Zeit lang die Ur-Sehnsucht nach Liebe, dient quasi als Ersatz. Bleibt der Erfolg aber aus, wird es eng. Sie fangen an, sich und das Leben zu hinterfragen.

Andere fahren von Anfang an nicht gut und hinterfragen gleich. Und da treffen sich dann beide wieder: Sie wollen was ändern. Sie finden dazu auch genügend Theorien, wie das funktionieren könnte: Buddhismus, Yoga, Tantra, Achtsamkeitsmeditationen, Religionen, psychologische Ratgeber – irgendwas passt bestimmt und das nimmt man dann. Man gibt sich ganz rein, fühlt sich bald als Experte und wandelt fortan auf geläuterten Spuren. Im Yogaraum schwebt man fast über der Matte, fühlt sich schon erleuchtet, Malas und Götterstatuen zieren Hals und Haus, buddhistische Mantras ersetzen die Morgenzeitung und Abendgebete die Tagesschau. Nur: So im wirklichen Leben kommt oft wenig davon an. Bei der Umsetzung helfen weder Bücherwissen noch Altar, sondern nur eines:

Erkenne dich selbst und werde, der du bist!

Nicht Leistungsdenken führt zur Zufriedenheit, sondern die Tiefe Einsicht in das eigene Sein, das Wissen darum, dass tief drin ein Kern ist, der liebenswert ist, weil er echt ist.

Es braucht ab und an Mut, sich selber zu sein. Man kennt sich zu gut, kennt so viele Schwächen, nennt die gar Fehler, fürchtet, damit an- und abzustossen. Aber es ist alles, was wir haben. Und wir sind erst dann ganz, wenn wir uns mit all diesen Fehlern annehmen und selber lieben. Und vielleicht hilft es, wenn wir mal genauer hinschauen: Sind es bei anderen Menschen nicht oft auch die Eigenheiten, die Schrulligkeiten, die sie liebenswert machen? Lieben wir wirklich perfekte Menschen oder aber Menschen, die authentisch sind, die auch mal Schwächen zeigen, die einfach in der ganzen Bedeutung des Wortes Mensch sind?

Wenn uns also wieder mal jemand nur liebenswert findet, wenn wir tun was er will und sind, wie er will, sollten wir uns selber genug wert sein, auf den Menschen zu verzichten. Wirkliche Liebe wird da nie zu erwarten sein. Wirkliche Liebe sitzt tief und zielt auch in die Tiefe. Zum Kern.

Wir leben in einer leistungsorientierten Welt und wenn wir in ihr bestehen wollen, sind Leistungen in gewissen Bereichen durchaus wichtig und nötig. Nur sollten sie nie dazu vollbracht werden, um geliebt zu werden. Wie schön ist doch das Gefühl, zu wissen: Ich werde geliebt. Weil ich bin. Und weil ich bin, wie ich bin. Als ich. Und wie schön ist das Gefühl, genau so lieben zu dürfen. Einen Menschen. Weil er ist. Und ist, wie er ist. Als du.

 

Achtsamkeit

  • Wir streben nach Schönheit, übersehen aber die Blume am Strassenrand.
  • Wir wollen hoch hinaus, wollen Erfolg, überhören aber ein einfaches Lob, wenn es ausgesprochen wird.
  • Wir streben nach Auszeichnungen, träumen von grossen Lobesreden, übersehen dabe das dankbare Lächeln eines Kindes.
  • Wir schauen zum Gipfel, sehen ihn als erstrebtes Ziel, und trampeln auf dem Weg dahin achtlos über Blumen, Gräser, durch Wälder und Dörfer.

Wir sehen, was wir alles wollen und nicht haben, jammern über all die verpassten Chancen und nicht zu erreichenden Ziele. Wir sehen, dass wir nur einen Bruchteil von allem haben, was es gibt, und übersehen dabei, was wir alles schon haben, das sogar richtig gut und wertvoll ist. Wir ignorieren, was wir schon geschafft haben, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, zu sehen, was wir noch wollen – oder denken zu müssen.

Was wir dabei übersehen: Wie privilegiert wir sind, uns diese Gedanken überhaupt machen zu können. Aber: Wir gehen mit dem Puls der Zeit:

Schneller, grösser, besser, mehr von allem.

Das Leben muss perfekt sein und wir an der Spitze stehen. Was uns das bringt, hinterfragen wir selten, wenn doch, fallen uns genügend sachliche Gründe ein, wieso es immer besser ist, mehr zu haben als weniger. Der naheliegenste: Andere haben es auch, wieso nicht wir selber? Wieso nicht alles haben wollen, was man haben könnte? Wieso sich mit weniger zufrieden geben (müssen), wenn mehr möglich sein könnte?

Würden wir genau hinsehen, wüssten wir, wie viel mehr wir schon hätten,

  • wenn wir die Blume am Wegesrand wahrnehmen und uns an ihr erfreuen knnten.
  • wenn wir das Lob hören würden, dass jemand aus Überzeugung spricht, und uns daran freuten.
  • wenn wir das dankbare Lächeln sehen und unser Herz sich erwärmte.
  • wenn wir achtsam durch kleine Strässchen und durch Wälder streiften und auf dem Gipfel einen ganzen Rucksack von Erfahrungen, Erlebnissen, Freuden dabei hätten. (Und selbst wenn wir den Gipfel nicht erreichten, könnte uns niemand den Weg dahin nehmen.)

Wir würden all das sehen, was wir haben, was gut ist in unserem Leben, und könnten uns daran freuen. Wir brauchten nicht mal viel für all das, nur ein wenig Achtsamkeit für das, was ist. Das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt statt des kopflosen Strebens nach dem, von dem wir uns vorstellen, dass es sein sollte.

Wie schön wäre es, wenn endlich Ruhe wäre? Wenn wir nicht mehr erreichen müssten, wenn wir nicht mehr uns vergleichen und dann AUCH haben müssten. Wenn wir die Achtsamkeit pflegen könnten und merkten: Endlich Ruhe. Und dann käme das zum Tragen, was schon Konfuzius sagte:

In der Ruhe liegt die Kraft.

Diese Kraft haben wir nicht mehr, da wir nicht zur Ruhe kommen. Wir sind ständig getrieben vom Streben nach mehr. Wir sind getrieben von Agenden, Zeitplänen, Forderungen von aussen und innen. Wir hören die innere Stimme, die sagt, dass wir unmöglich ruhen können, solange noch mehr möglich wäre. Wir gehorchen unseren Ängsten, die unken, dass wir untergehen, wenn wir nicht über unsere Kräfte und Grenzen hinausgehen. Wir haben tief in uns die Stimmen all derer aus der Vergangenheit, die Böses voraussagten, wenn wir nicht alles täten, was irgendwie möglich wäre (und sogar das Unmögliche versuchten). Und wir rennen in unserem Hamsterrad und versuchen zu erreichen, was von irgendjemandem als wert zu erreichen propagiert wird oder wurde.

Wir werden nie alles erreichen, was irgendwer auf dieser Welt erreicht hat. Ganz vieles wollten wir wohl gar nicht, sähen wir es nicht und es würde uns als ach so erstrebenswert propagiert. Und nach ganz vielem streben wir nur, weil wir es  aufgrund unserer Kultur, Erfahrungen, Prägungen und Muster als erreichenswert erachten. Das ist weit entfernt von einer objektiven Begründung, aber tief verwurzelt.

 

Schon früh hiess es in der Philosophie:

Erkenne dich selbst.

Es führt ein Weg dahin. Im Yoga führt er durch diverse Schichten, von aussen nach innen, quer durch alle Schichten unseres Daseins (Koshas). Yoga ist aber nicht die einzige Methode, diesen Weg zu gehen, man kennt ihn in allen Philosphien und zu allen Zeiten. Wichtig ist immer, nach innen zu gehen, hinzusehen, den wirklichen Kern zu ergründen. Worauf basieren unsere Meinungen, unsere Reaktionen, unser Denken, unser Sein? Ziel ist es, unseren Geist zu erkennen, zu erkennen, wie er funktioniert und worauf unser Handeln und Streben gründet. Wenn wir das erkannt haben, sehen wir auch, dass es genau dieses Streben ist, das uns wirkliches Leid bringt.

Dieses Leid liegt nicht darin begründet, dass wir nicht Millionen auf dem Konto haben, erfolgreiche Manager sind oder Modelmasse besitzen. Das Leid liegt darin, dass wir uns mit ganz vielen anderen vergleichen und uns selber dabei verlieren. Wir hoffen, endlich gut zu sein, wenn wir wären, wie andere sind. Dass wir nur sehen, was diese uns nach aussen preisgeben, blenden wir gerne aus. Wir wollen in ihnen sehen, was uns bei uns fehlt.

Wir werden nie jemand anders sein. Und: Jeder andere ist genauso Mensch wie wir selber. Und jeder (!) hat mit sich zu kämpfen. Zudem: Nur weil einer etwas tut oder hat und es ihm dabei gut geht, heisst nicht, dass das bei uns ebenso sein würde. In der Bhagavad Gita steht sogar sinngemäss, dass es besser ist, das, was einem selber bestimmt ist, wenig erfolgreich zu leben, als das Leben eines anderen zu leben (Dharma).

Es bringt nichts, ständig etwas nachzurennen. Das heisst nicht, dass wir keine Ziele im Leben haben sollen, aber: Wenn wir nie sehen, was wir schon haben, wird alles, was wir erreichen (könnten), das nicht ändern, weil es auf dieser Welt so vieles gibt, was man noch nicht hat. Und erst, wenn wir das erkannt haben, kann Ruhe einkehren – und das Hamsterrad kann anhalten. Aus dieser Ruhe heraus finden wir dann auch die Kraft, die Ziele zu erreichen, die wirklich unsere sind – und werden so zu dem, der wir sind und sein können. Dann sind wir das Original und keine Kopie.