Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.2

1.2 योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः ॥२॥

yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ: Im Zustand des Yoga kommen die Bewegungen des Geistes zur Ruhe.

 Yoga ist, wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen. Damit ist eigentlich alles gesagt, denn dies ist das höchste Ziel des Yoga (und vieler anderer, innerer Wege wie des Buddhismus, der christlichen Mystik, etc.).

Werde ganz leer, stille den ruhelosen Geist.
Erst dann wirst du alles sehen: wie es sich aus der Leere entfaltet, wie alle Dinge blühen und tanzen in endloser Vielfalt.
Schliesslich gehen sie wieder ein in die vollkommene Leere – ihre wahre Ruhestatt, ihre wahre Natur. (Laotse, Tao Te King)

Die Ruhe des Geistes als Glück beschreibt auch Hermann Hesse in seinem Gedicht:

Solange du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glückslichsein,
und wäre alles Liebste dein.

Solange du um Verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Wiesst du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.[1]

Wir leben in einer Welt, die sich sehr an Äusserlichkeiten orientiert. Wir definieren uns und andere über ihre Kleidung, ihr Auto, ihren Beruf und ihre Figur. Wir bewerten alle diese Dinge, teilen sie in gut und schlecht, in gewünscht und unerwünscht ein. Entsprechend diesen Ablehnungen und Wünschen leben wir, rennen dem einen nach und dem anderen davon. Wir sind also ständig damit beschäftigt, uns das Leben so einzurichten, wie es uns erstrebenswert erscheint. Dass diese Rennerei ziemlich anstrengend ist, kann man sich wohl leicht vorstellen, wenn man sich das mal bewusst vor Augen führt. Dass dieses Verhalten nicht auf Dauer Glück bringt, ebenso.

Wenn man mal still hinsitzt und einfach versucht, zu atmen, nichts zu denken, dann merkt man, dass das quasi unmöglich ist. Zumindest klappt es nicht auf Knopfdruck beim ersten Mal. In unserem Kopf drehen Gedanken ums Nachtessen, den nächsten Arzttermin, die noch zu erledigenden Dinge, die kneifende Hose, der Rücken, der grad schmerzt, der Bauch, der knurrt, womit wir wieder beim Nachtessen wären. Ruhe findet sich da kaum. Und was noch viel schlimmer ist: Wir nehmen das ganze Durcheinander im Kopf meist gar nicht wahr. Unsere Hirnwindungen produzieren unentwegt ein Geplauder, das wir als Hintergrundrauschen durch die Welt tragen.

Um das zu ändern, müssen wir zuerst verstehen, was Geist, citta, überhaupt ist. Dafür müssen wir tiefer in die Yoga-Philosophie eintauchen: Citta ist ein Synonym für antahkarana, das innere Organ. Dieses setzt sich zusammen aus buddhi (Intelligenz, Weisheit, Entscheidungsebene), ahamkara (Ich-Macher, Ego) und manas (Wahrnehmung, Gefühl, Gedanke). Manas nimmt alles wahr und verarbeitet es. Es löst auch unsere Reaktionen aus – dies meist unbewusst und reflexartig. Was fürs Überleben dringend notwendig ist, kann ansonsten ab und an Schwierigkeiten bereiten, wenn wir aufgrund alter Muster sprichwörtlich kopflos reagieren. Manas setzt Entscheidungen um, kann aber nicht selber entscheiden. Dafür brauchen wir buddhi, die Intelligenz. Buddhi ist das, was versteht, denkt, unterscheidet, entscheidet. Es bringt Licht ins Dunkel der Unwissenheit.

Ahamkara ist all das, was wir uns selber vorsagen, was wir sind: Ahamkara definiert uns als Person. Das ist gut und wichtig, denn ohne wären wir in der äusseren Welt nicht lebensfähig, könnten uns in ihr nicht bewegen. Es stört aber da, wo wir uns zu stark an Dinge klammern, uns über sie definieren. Das lässt uns einerseits tief fallen beim Verlust, andererseits kann das Streben auch zerstörerische Züge annehmen – für das Individuum wie auch die ganze Welt. Ahamkara ist seiner Natur nach immer auf Wachstum ausgerichtet. Die Auswüchse davon sind in der heutigen Zeit wohl gut sichtbar.

Wenn wir das nun zusammenfassen, haben wir einen Geist, dessen einer Teil (manas) sich mit der Aussenwelt verbindet, diese aufnimmt und die Reaktionen auf dieselbe auslöst. Dieser Teil kann aber nicht entscheiden, welche Reaktion angemessen ist. Wir haben einen zweiten Teil (ahamkara), welcher sich selber in der Welt verortet, sich als eigentlich handelndes Wesen ansieht, welches Erfolg haben will. Allerdings kann auch dieser Teil nicht wissen, was richtig ist, was falsch. Dafür haben wir buddhi, den dritten Teil. Erst durch dessen Fähigkeiten kann manas die richtigen Reaktionen auslösen und ahamkara im Zaum gehalten werden. Es gilt also, buddhi zu entwickeln.

Für die Entwicklung des buddhi gibt es zwei zentrale Aspekte, die kultiviert werden müssen: abhyasa und vairagya, üben und loslassen. Wenn wir immer über manas die Aussenwelt abtasten nach Dingen, die wir wollen oder nicht wollen, werden wir nie Ruhe finden. Schon das Tao Te King sagt:

Greifen und Anhäufen – das kennt kein Ende.

Wenn wir die ganzen Wünsche loslassen (vairagya), dann wird der Geist still. Das klappt aber – wie oben bereits gesagt – nicht auf Anhieb, dazu braucht es Übung (abhyasa). Vairagya ist eine innere Haltung, die besagt, dass wir aufhören, Dinge ständig zu bewerten, dass wir aufhören, uns mit allem zu identifizieren. Dadurch entwickeln wir langsam ein Bewusstsein dafür, wer wir wirklich sind, was uns wirklich ausmacht. Dann entdecken wir, dass wir viel mehr sind als die Zuschreibungen, durch die wir uns zu definieren versuchen und dabei immer wieder ins eigene Elend laufen.

Ein Mensch ist nichts als Bewusstsein.
Selbst wenn hundert Körper sterben,
das Bewusstsein stirbt nicht.
(Yoga-Vasistha)[2]

Es geht dabei sicher nicht darum, der äusseren Welt zu entsagen und fortan in Fetzen gehüllt dem Leben zu entsagen. Das wäre nicht nur illusionistisch, es wäre auch nicht der richtige Weg für jeden. Es geht darum, den Dingen ihre richtige Bedeutung zu geben, alles in die richtige Relation zu setzen. Dabei hilft der Yoga. Durch die erfahrenen Momente der Stille kommt man sich selber immer wieder ein Stückchen näher.

yogaḥ = (nom. sg. m. von yoga) Yoga
citta = Bewusstsein, individueller Geist
vr̥tti = Welle, mentale Regung (beinhaltet Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen)
nirodhaḥ = zur Ruhe kommen, kontrollieren
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[1] Hermann Hesse: Die Gedichte

[2] zit. nach Ralph Skuban: Die Psychologie des Yoga

Yoga ist nichts für mich

Immer wieder stosse ich auf Menschen, die mit einem Grundton der Überzeugung sagen:

Yoga ist nichts für mich

Nun bin ich durchaus der Meinung, dass Yoga nicht jedem gefallen muss und kann, dass jeder für sich entscheiden sollte, was ihm liegt und was nicht. Stutzig werde ich, wenn als Argument, wieso Yoga nichts ist, folgende Aussagen kommen:

  • Ich habe keine Zeit
  • Ich bin nicht beweglich
  • Ich bin zu alt dafür
  • Yoga ist mir zu lahm, ich brauche Power
  • Yoga ist eine Religion und ich mag keine Religionen
  • Das ist mir zu esoterisch

 

Ich habe keine Zeit
Unsere Tage sind meist gut gefüllt mit Arbeit, Familie, Haushalt und anderen Verpflichtungen. Oft kommen wir fast nicht nach mit allem, was wir tun müssen, da erscheint es uns unmöglich, noch mehr in unsere Tage zu packen – schon gar kein Sport oder Yoga. Wenn wir aber genau hinsehen, machen wir auch ganz viel, von dem wir denken, es diene unserer Entspannung, merken dabei nicht, dass es uns eher ablenkt, anstrengt oder uns gar nicht gut tut: Wir surfen motivationslos durchs Netz, hängen Stunden am Handy und klicken uns durch verschiedene Apps, hauen uns aufs Sofa und zappen durch die Sender, das Knabberwerk griffbereit. Später fallen wir ins Bett und denken, der Tag war anstrengend, wir sind müde. Dass der Schlaf danach oft unruhig ist, wir uns vielleicht im Bett wälzen, Gedanken noch drehen im Kopf, schieben wir auf unsere strengen Tage, nicht auf die wenig befriedigende – so gedachte – Entspannung. Yoga könnte hier helfen, die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen, den Körper auf den Schlaf vorzubereiten und uns insgesammt wirklich zu entspannen. Klar erscheint es im ersten Moment als noch ein Termin mehr, wenn aber die Erfahrung eintritt, dass dieser Termin nicht mehr Stress, sondern im Gegenteil mehr Ruhe bringt, wird es kein weiterer Termin mehr, sondern es ist die persönliche Oase im täglichen Alltagsdschungel.

 

Ich bin nicht beweglich
Zu denken, man könne keinen Yoga machen, weil man nicht beweglich ist, wäre wie zu sagen, man ginge nicht in die Schule, weil man nicht schreiben kann. Zudem: Nicht jeder ist Kontorsionskünstler, nicht jeder kann sich beliebig verbiegen und das ist auch nicht nötig. Nie muss sich der Mensch den einzelnen Yogastellungen anpassen, sondern diese passen sich dem Menschen an. Yoga ist für jedermann geeignet, egal, wie beweglich, fit oder alt er ist.

 

Ich bin zu alt
Es gibt kein perfektes Alter, um mit Yoga zu beginnen. Auch hier gilt: Yoga passt sich dem Menschen an und man stellt Yogastunden so zusammen, dass sie für den einzelnen Menschen und seine Möglichkeiten und Bedürfnisse passen. Wichtig ist nie, wie weit man kommt, sondern dass man den eigenen Körper kennenlernt und seine Möglichkeiten ausschöpft. Und wer weiss: Mit der Zeit kommen vielleicht neue dazu, von denen man dachte, man hätte sie schon lange verloren oder gar nie gehabt.

 

Yoga ist zu lahm, ich brauche Power
Es gibt fast unendlich viele Yogastile, ständig kommen neue dazu. Die Bandbreite reicht mittlerweile vom sehr entspannten und entspannenden YinYoga bis hin zu den schweisstreibenden und kraftvollen Stilen wie Ashtanga Yoga oder Poweryoga. Auch hier gilt: Es gibt für jeden den passenden Stil, der genau das beinhaltet, was man sich von einem persönlichen Programm erhofft, das die Bedürfnisse abdeckt, die bei einem selber da sind.

 

Yoga ist eine Religion
Yoga kommt aus Indien und hat sicher Einflüsse aus dem Hinduismus und dem Buddhismus (neben anderen) erfahren. Trotz alledem ist Yoga keine Religion. Es geht beim Yoga nicht darum, einen Gott anzubeten, sondern darum, sich selber kennenzulernen. Yoga ist eine Methode, sich mit sich und dem Leben auseinander zusetzen und damit ins Reine zu kommen. Er ist eine Methode, eigene Muster zu erkennen, zu durchbrechen und damit Leid zu vermeiden. Yoga führt zu Selbsterkenntnis, zu mehr Ruhe, Gelassenheit und Grossmut – sich und anderen gegenüber.

 

Yoga ist mir zu esoterisch
Viele sehen, wenn sie an Yoga denken, sich wiegende, om singende Menschen in bunten Tüchern sowie Statuen und Altare vor sich. Götter wie Ganesha, Hanuman und Shiva hängen an den Wänden und Buddha-Statuen stehen in allen Räumen. Das kann abschrecken. Wenn dann noch philosophische Aussagen kommen, die dem westlichen Denken diametral entgegengesetzt und für unseren rationalen Geist nicht fassbar sind, dann nimmt so mancher die Beine in die Hand und will weit weg. Yoga hat sicher eine philosophische Grundlage, die nicht immer leicht zu verstehen ist, mit Esoterik hat Yoga aber nichts zu tun (sonst wäre ich selber auch weit weg gerannt). Was beim Yoga wunderbar ist, ist die Möglichkeit, Dinge selber zu erfahren. Nur so funktioniert Yoga. Was man in Büchern liest, was man von Lehrern hört, sind nur Annäherungen und Beschreibungen von etwas, das im Kern nur erfahrbar und nicht beschreibbar ist. Die Yogamatte dient als Übungsplatz fürs Leben, sie hilft, durch die Praxis mehr über sich – Körper und Geist – zu erfahren. Und mit diesen Erfahrungen erschliessen sich auch Dinge, die man vielleicht mal gehört hat. Vielleicht auch nicht. Hauptsache Yoga tut gut, man kommt mit einem guten Gefühl aus der Stunde und sieht ihn als Bereicherung für das eigene Leben.

 

Jeder kann, keiner muss
Jedermann kann Yoga machen, es gibt keinen Grund, wieso man nicht Yoga machen KANN.

Aber: Nicht jeder muss Yoga machen, denn nichts ist für alle und jeder soll seinen Weg finden, das Leben zu leben und damit glücklich zu werden.

Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.1

1.1 atha yoga anusasanam: Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga.

 

atha: jetzt, nun; Beginn vieler Erklärungen
yoga: Vereinigung, Joch, hier auch: Einheit mir dir selber
anushasanam: Erklärung, Auslegung, hier: Einführung in die Erfahrung
(Yoga Sutras, Samadhi Pada, Sutra 1)

Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga. So könnte die wörtliche Übersetzung des ersten Sutras heissen. Es klingt wie ein normaler, einfacher Einleitungssatz in ein Buch über den Yoga, doch es steckt mehr in diesem kleinen Satz – eigentlich enthält er alles, was in den darauffolgenden 195 Sutras kommen wird.

anusasanam bedeutet Erklärung, Einführung. In diesem Zusammenhang hier ist es die Einführung in den Yoga, eine Lehre, die weit zurück reicht, in die Jahre vor Patanjali, welcher diese Sutras aufgeschrieben hat. Es ist eine Lehre, die über Jahrhunderte von Lehrern an Studenten weitergegeben wurde, eine Lehre, die auf einer mündlichen Tradition bestand. Die hier vorliegenden Sutren sind kurz und eher allgemein gehalten. Sie eignen sich, darüber zu meditieren, sie auf sich wirken zu lassen. Auf diese Weise entwickeln sie eine Bedeutung in einem selber, die über das rationale Denken, das vom Ego geprägt ist, hinausgeht. Während das Ego von der Vergangenheit durchtränkt ist, sich aus eigenen Mustern, Gewohnheiten, Denkarten und Rollen zusammensetzt, ist das Selbst, der innere Zeuge, davon unbewegt, er ist der wahre Kern, der angesprochen wird und den wir durch unsere Auseinandersetzung mit dieser Lehre kennenlernen. Dabei ist eines immer wichtig: Yoga ist nie ein Dogma, es ist auch keine Bücherwissenschaft. In Büchern finden sich nur ungefähre Beschreibungen dessen, was gemeint ist, die Wirklichkeit kann man nur selber erfahren. Dazu muss man sich auf den Weg machen, sie zu ergründen.

atha bedeutet wörtlich übersetzt nun, hier, jetzt. Es beginnt also etwas, vor dem etwas anderes gewesen ist. atha bedeutet Anfang, damit immer auch Neu-Anfang. Das, was bisher war, soll aufhören, etwas Neues soll beginnen. Dieses Etwas ist Yoga – ein Weg, das Leben zu gehen, der den Menschen in seiner Essenz transformiert, ihn dabei von der Konzentration auf das Aussen zur Konzentration auf das Innen, zu sich selber bringt.

Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga. Man würde den Satz wohl kaum lesen, würde man sich nicht auf den Yogaweg begeben wollen. Was hat einen dahin geführt? Wieso will man ihn beschreiten? Oft steht man an einem Punkt im Leben, an dem man zwar vieles gelernt, erfahren und erlebt hat, trotzdem nicht ganz zufrieden ist. Man leidet unter Schmerzen, die nicht besser werden, man fühlt sich müde, unausgeglichen, leidet unter Beziehungs- und anderen Problemen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Vielleicht hat man schon einiges ausprobiert und sieht sich nun wie Goethes Faust damals im Studierzimmer:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

Man sucht nach dem tieferen Sinn im Ganzen, nach der Lösung der eigenen Probleme, nach dem eigenen Platz in der Welt, vielleicht sogar im eigenen Leben. Meist ist Yoga nicht der erste Versuch. Es könnte der letzte sein. Goethes Faust liess sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, als nichts half, der Leser von Patanjalis Sutras hat es da besser: Ihm eröffnet sich eine Methode, die ihm hilft – sofern er sich darauf einlassen kann und will – Antworten auf Fragen zu finden, die ihn beschäftigen. Sie sind alle da, man muss sie nur ausgraben. Aus diesem Grund führt der Yogaweg nicht nach aussen, er führt nach innen.

Wer denkt, damit ein Kompaktkurs in Selbsheilung in der Hand zu haben, den perfekten Lebensratgeber kurz und knapp, dem sei gesagt: Es ist kein einfacher Weg. Und er ist schon gar nicht kurz. Die 196 Sutras bieten lediglich schriftliche Hinweise, was Yoga ist, worauf es ankommt auf dem Weg. Gehen muss man ihn dann selber.

Es ist ein Weg und er dauert. Er ist oft steinig, mit Hindernissen übersät. Ab und an sieht man sich vor Bergen, die man gerne überfliegen möchte, um dann zu merken: Es fehlen die Flügel, es hilft nur gutes Schuhwerk – und Geduld und Ausdauer. Was dann und wann auf dem Weg beschwerlich erscheint ist: Das Ziel lässt sich nicht beschreiben, es lässt sich nur erfahren. Man kann es nicht vorwegnehmen, man muss es sich erarbeiten.

Wer nun denkt, das klinge alles viel zu beschwerlich, dem sei gesagt: Er ist trotz allem wunderbar. Und schon der erste Schritt wird mit einem guten Gefühl belohnt. Jeder weitere Schritt wird die guten Gefühle mehren. Das beste an diesem Weg ist: Er kann jeden Tag beginnen. Sobald man sich für ihn entschliesst, ist man schon drauf. Man geht damit einen Weg, den schon viele Menschen über tausende Jahre vor einem gegangen sind. Sie bezeugen, dass es ein guter Weg ist, dass es ein Weg ist, der es wert ist, gegangen zu werden. Indem man sich ihnen anschliesst, wird man Teil eines Ganzen, aber das kann man nur werden, wenn man herausfindet, wer man selber wirklich ist. Tief drin.

Perfektion (im Yoga) erreicht man nicht, indem man so aussieht (wie ein Yogi) oder über Yoga spricht. Übung allein ist der Weg zum Erfolg. Und das ist ohne Zweifel die Wahrheit.
(Hathayoga-Pradipika 1.66)

 

Die Yoga Sutras von Patanjali

Eines der Standardwerke im Bereich des Yoga sind sicher die Yoga-Sutras von Patanjali. In 196 kurz gehaltenen Lehrsprüchen erklärt Patanjali das Wesen des Yoga. Es ist nicht sicher, wann er genau gelebt hat, man siedelt ihn irgendwo zwischen dem 2. vorchristlichen und 4. nachchristlichen Jahrhundert an.

Die Sutren selber sind nicht dann entstanden, sondern greifen auf noch ältere Quellen zurück. So alt die Lehrsprüche auch sein mögen, wichtig ist, dass sie bis heute nichts an ihrer Wahrheit eingebüsst haben, dass sie auch heute noch aktuell sind. Dies rührt daher, dass sie kurz gehalten, eher allgemeiner Natur und damit auf die heutige Zeit anwendbar sind.

Die Yoga-Sutras sollen keine dogmatischen Wahrheiten verkünden, sie eröffnen nur, was Yoga meint, was das Ziel von Yoga ist. Es geht darum, eine Methode zu beschreiben, wie der Mensch mit mehr Bewusstsein im Hier und Jetzt leben kann, indem er sich von den Verstrickungen in die Zeitlichkeit löst. Die Yoga-Sutras beschreiben diesen Prozess, der dazu führt, dass der Mensch zu sich selber zurück kehrt, sich von den äusseren Einflüssen, den Erfahrungen der Vergangenheit und den Zwängen fehlgeleiteter Wünsche löst.

Es gibt nicht ein Yoga, das ist, wie es ist. Yoga ist keine Religion und keine Doktrin. Yoga ist eine Vielfalt von Möglichkeiten und Methoden, sich selber zu finden, sich selber zu erkennen und sich zu dem zu entwickeln, was man sein kann, wenn man es nur erst erkannt hat. Die Yoga-Sutras beschreiben diese Vielfalt, sie zeigen die Hindernisse auf dem Weg des Yoga auf und wie man damit umgehen kann.

Die Yoga-Sutras sind in vier Teile aufgeteilt:
Samadhi Pada – Über die Erleuchtung
Sadhana Pada – Über die Praxis
Vibhuti Pada – Über die wunderbaren Kräfte
Kaivalya Pada – Über die Freiheit

In der Folge sollen hier in regelmässigen Abständen Betrachtungen zu den einzelnen Yoga-Sutras erscheinen. Es sind Gedanken zu einer Adaption derselben in die heutige Zeit, es sind Gedanken dazu, was die Sutras für meinen Yogaweg heute bedeuten, wie ich sie aus heutiger Sicht interpretiere und ins Leben einbeziehe.

Ich bin genug

Ich bin nicht gut genug. Der andere ist viel besser als ich.

Wer hat sich das nicht schon mal gesagt? Ich selber habe Jahre, wenn nicht Jahrzehnte damit zugebracht, mir vorzuhalten, wer alles besser ist als ich, schöner ist als ich, und wo ich nicht genüge. Ich fand immer und überall etwas und litt natürlich darunter. Wer ist schon gerne minderwertig? Wer möchte nicht genügen?

Es hat viele Jahre gedauert, mehr Gelassenheit mir selber gegenüber zu gewinnen. Das Alter hat sicher einen Teil dazu beigetragen, Yoga hat dabei aber den grossen Anteil gehabt. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich auf die Yogamatte stand und das Leben war plötzlich wundervoll und ich der Held in meinem eigenen Universum. Es war ein Weg – und er dauert noch an. Auf diesem Weg habe ich eine Wahrheit ganz schmerzhaft erfahren müssen: Ich bin ich und ich kann, was ich kann. Ich kann an meinen Grenzen arbeiten, aber ich kann sie nicht mit Gewalt durchbrechen. Nur weil ein anderer etwas kann, das für mich erstrebenswert aussieht, weil ich den, der es kann, bewundere, heisst das nicht, dass ich das zwangsläufig auch können muss. Schon gar nicht gleich.

Mein Naturell ist eher ungeduldig, mein Wille eher forsch. Geht nicht, gibt es nicht. Der Ehrgeiz drängt und ich folge oft zu willig. Der Körper dankte oft mit Schmerzen. Schmerz ist überhaupt ein sehr guter Lehrmeister, in allen Belangen. Wir würden ihn gerne vermeiden, tun viel dafür, ignorieren ihn am liebsten. Hinsehen kann helfen, eigene Muster zu erkennen. Bei mir war es, dass ich gefallen wollte. Denn nur dann genüge ich. Und dafür ging ich oft über meine eigenen Grenzen. Weil ich die Menschen da draussen wichtiger nahm als mich selber, dafür sogar meine Gesundheit aufs Spiel setzen wollte. Was wohl viele tun auf vielen Ebenen. Kinder, die ihren Eltern genügen wollen, Angestellte bei ihren Chefs, Frauen für ihre Männer und umgekehrt.

Wir alle sind oft in einem Wettbewerb, wollen hoch hinaus, mindestens gleich hoch wie der andere, am besten aber höher. Wir sind beeindruckt von all dem, was andere können – im Yoga sind es akrobatische Stellungen, die wir nie selber einnehmen könnten. Und wir denken: Wenn der das kann, ist er ein viel besserer Yogi als ich, drum muss ich das unbedingt auch können. Genau da hört Yoga auf. Was nun folgt, ist blosser Mattenkampf. Und Krampf.

Dasselbe passiert auch im Leben abseits der Matte: Wir vergleichen uns mit anderen Menschen, beurteilen uns danach als ungenügend und haben nur noch ein Ziel: Besser werden, aufholen. Oft verlieren wir uns selber dabei aus den Augen, ignorieren eigene Warnzeichen, gehen über unsere Kräfte und Grenzen. Oft körperlich und psychisch.

Fakt ist: Wir werden nie sein wie ein anderer, wir sind und bleiben wir. Jeder Mensch hat seine individuellen Fähigkeiten und Grenzen. An beidem kann man sicher arbeiten, Fähigkeiten trainieren und ausbauen, Grenzen ausloten und damit spielen. Allerdings geht das selten beliebig weit und: Es erfordert Einsatz. Einsatz braucht immer Zeit und Kraft, welche beide auch begrenzt sind. Und so bleiben am Schluss ganz wichtige Fragen an sich selbst:

  • Wieso will ich das, was ich anstrebe, erreichen? Meinetwegen oder nur aus dem Vergleich heraus?
  • Passt es in mein Leben?
  • Was verspreche ich mir davon?
  • Ist es realistisch?

Natürlich spricht nichts dagegen, andere Menschen als Vorbilder zu sehen, sich vo ihrem Tun motivieren zu lassen. Aber: Es sollten nie andere der Massstab für das eigene Leben und die Dinge, die wir in ihm verwirklichen, sein. Der Massstab sollte immer in uns selber liegen, denn nur dann leben wir unser Leben und nicht das eines anderen. Nur dann sind wir selber das Original und nicht eine Kopie. Und ganz wichtig: Was auch immer wir erreichen, wir sind genug.

Ein Satz, den man sich eigentlich immer wieder sagen sollte:

„Ich bin gut, wie ich bin, ich genüge.“